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OpfertĂ€ter und TĂ€teropfer als Figurationen des Dritten?â â
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rierte und mit den Worten: âIch mache alles was sie wollen aber den Hut nehme
ich nie ab damit klar ist wer das Sagen hatâ (Antunes 1997, 11) den Geschlechtsakt
und seine unbarmherzige patriarchalische und phallokratische Macht dokumen-
tierte, und nun im Altenheim mit der Aufforderung der Altenpflegerin konfron-
tiert wird: âSchön Pipi machen na wer ist denn ein braver Junge und macht ein
feines Pipi? [âŠ] â Pipi Herr Doktor Pipi pipipipipipipipi na was ist denn nun mal
los bravo wunderbar heute werden Sie uns nicht die sauberen Laken schmutzig
machen Sie kleiner Schwerenöter nicht wahrâ (Antunes 1997, 48). Durch die Ent-
sexualisierung und Infantilisierung des Geschlechtsorgans wird der Machtver-
lust des ehemaligen GroĂgrundbesitzers symbolisch vorgefĂŒhrt. Das TĂ€terorgan
wird selbst zum Opferobjekt der Beschauung durch eine automatisch und voyeu-
ristisch funktionierende Schwesternschaft.
Die allgegenwÀrtige Gewalt des Herrn Doktor teilt sich noch einmal kurz vor
der Apokalypse mit. DafĂŒr stehen auch die ausgemergelten und herrenlos gewor-
denen SchÀferhunde ein, die als mythische Todesboten à la Anubis durch das
verwilderte Landgut schleichen. In den Erinnerungen Dona Titinas, der Haus-
dame, wird die unglĂŒckliche Liebe des Herrn Doktor zu seiner Frau Isabel vom
GelÀchter einer indolenten Flora und Fauna begleitet:
Dem Herrn Doktor fehlte sie, das sah man seinem Gesicht an, wenn er allein am Tisch saĂ,
allein im Salon seine BĂŒcher studierte oder die Zeitung durchblĂ€tterte, die HĂ€nde in den
Hosentaschen zigarillorauchend den Flur auf und ab ging wie eine gepeinigte Seele, die
gnĂ€dige Frau kam verĂ€rgert zurĂŒck, lieĂ die Koffer in der Eingangshalle fallen, warf sich
gleich, angeekelt die Stirn runzelnd, ins Sofa, ohne jemanden zu begrĂŒĂen â Ich bin kaputt
die Raben lachten sich halb tot, die Frösche lachten sich halb tot, der Herr Doktor setzte sich
neben sie, und sie rĂŒckte weg, als hĂ€tte man sie gestochen. (Antunes 1997, 130â131)
Die absolutistische Macht Francicos trifft in solchen Momenten immer wieder
auf ihre Grenzen. WÀhrend der politische Umschwung in Portugal die VerÀnde-
rungen fĂŒr GroĂgrundbesitzer und Aristokraten extern einleitete, ist es hier der
interne Bruch mit dem alten SelbstverstÀndnis innerhalb von Ehe und SexualitÀt.
Die Ă€uĂeren Ereignisse konnten vom Minister bis zu einem gewissen Grad immer
noch ignoriert werden, solange er den Hut auf dem Kopf, das Zigarillo im Mund,
die GummihosentrĂ€ger ĂŒber den Schultern und die Schrotflinte in den HĂ€nden
hatte, also ĂŒber die symbolisch codierten Kleinodien seiner Macht als TĂ€ter
verfĂŒgte. Doch fĂŒr die Gattin Isabel haben sie nicht mehr die einschĂŒchternde
Bedeutung. Ihre Symbolik geht verloren und sie werden, unter anderem in den
Augen von Joaozinhos reicher Schwiegerfamilie, welche die alten Machthaber
ĂŒber den Tisch zieht, zum Outfit eines ungehobelten KleinbĂŒrgers. In dieser Kon-
stellation und dem Umstand, dass der Herr Doktor den historischen Wandel epi-
stemologisch nicht mitzuverfolgen vermag, liegen Tragik und Reiz des Romans
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher