Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lehrbücher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Seite - 251 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 251 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Bild der Seite - 251 -

Bild der Seite - 251 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text der Seite - 251 -

Opfertäter und Täteropfer als Figurationen des Dritten?    251 rierte und mit den Worten: „Ich mache alles was sie wollen aber den Hut nehme ich nie ab damit klar ist wer das Sagen hat“ (Antunes 1997, 11) den Geschlechtsakt und seine unbarmherzige patriarchalische und phallokratische Macht dokumen- tierte, und nun im Altenheim mit der Aufforderung der Altenpflegerin konfron- tiert wird: „Schön Pipi machen na wer ist denn ein braver Junge und macht ein feines Pipi? […] – Pipi Herr Doktor Pipi pipipipipipipipi na was ist denn nun mal los bravo wunderbar heute werden Sie uns nicht die sauberen Laken schmutzig machen Sie kleiner Schwerenöter nicht wahr“ (Antunes 1997, 48). Durch die Ent- sexualisierung und Infantilisierung des Geschlechtsorgans wird der Machtver- lust des ehemaligen Großgrundbesitzers symbolisch vorgeführt. Das Täterorgan wird selbst zum Opferobjekt der Beschauung durch eine automatisch und voyeu- ristisch funktionierende Schwesternschaft. Die allgegenwärtige Gewalt des Herrn Doktor teilt sich noch einmal kurz vor der Apokalypse mit. Dafür stehen auch die ausgemergelten und herrenlos gewor- denen Schäferhunde ein, die als mythische Todesboten à la Anubis durch das verwilderte Landgut schleichen. In den Erinnerungen Dona Titinas, der Haus- dame, wird die unglückliche Liebe des Herrn Doktor zu seiner Frau Isabel vom Gelächter einer indolenten Flora und Fauna begleitet: Dem Herrn Doktor fehlte sie, das sah man seinem Gesicht an, wenn er allein am Tisch saß, allein im Salon seine Bücher studierte oder die Zeitung durchblätterte, die Hände in den Hosentaschen zigarillorauchend den Flur auf und ab ging wie eine gepeinigte Seele, die gnädige Frau kam verärgert zurück, ließ die Koffer in der Eingangshalle fallen, warf sich gleich, angeekelt die Stirn runzelnd, ins Sofa, ohne jemanden zu begrüßen – Ich bin kaputt die Raben lachten sich halb tot, die Frösche lachten sich halb tot, der Herr Doktor setzte sich neben sie, und sie rückte weg, als hätte man sie gestochen. (Antunes 1997, 130–131) Die absolutistische Macht Francicos trifft in solchen Momenten immer wieder auf ihre Grenzen. Während der politische Umschwung in Portugal die Verände- rungen für Großgrundbesitzer und Aristokraten extern einleitete, ist es hier der interne Bruch mit dem alten Selbstverständnis innerhalb von Ehe und Sexualität. Die äußeren Ereignisse konnten vom Minister bis zu einem gewissen Grad immer noch ignoriert werden, solange er den Hut auf dem Kopf, das Zigarillo im Mund, die Gummihosenträger über den Schultern und die Schrotflinte in den Händen hatte, also über die symbolisch codierten Kleinodien seiner Macht als Täter verfügte. Doch für die Gattin Isabel haben sie nicht mehr die einschüchternde Bedeutung. Ihre Symbolik geht verloren und sie werden, unter anderem in den Augen von Joaozinhos reicher Schwiegerfamilie, welche die alten Machthaber über den Tisch zieht, zum Outfit eines ungehobelten Kleinbürgers. In dieser Kon- stellation und dem Umstand, dass der Herr Doktor den historischen Wandel epi- stemologisch nicht mitzuverfolgen vermag, liegen Tragik und Reiz des Romans
zurück zum  Buch Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten