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OpfertĂ€ter und TĂ€teropfer als Figurationen des Dritten?â â
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Lampen im Haus löschte und die Zimmer zu Schattenlabyrinthen voller Schrankmassen
und hohler, leerer Spiegel in den holzgeschnittenen Rahmen wurden, aus denen sich alle
Gesichter zurĂŒckgezogen hatten, ein zweiter Blitz, ein dritter, das Heulen der Hunde, das
schmerzliche Winseln der KastanienbÀume, und im selben Augenblick, in dem sich die
Dunkelheiten am Himmel entluden, stand der Herr Doktor an der TĂŒr des GĂ€stezimmers
wie ein Gekreuzigter in der Kirche â Isabel der Junge greinte im Dunkeln, wollte auf den
Arm, wollte Bonbons, Pipi machen, doch Gott möge mir verzeihen, aber in diesem Augen-
blick wollte ich nicht Joaozinho auf den SchoĂ nehmen, sondern den Vater, ihn auf den
Arm nehmen, mich mit ihm, eng an die Brust gedrĂŒckt, seine Nase an meinem Hals, vom
GĂ€stezimmer entfernen, ihn ausziehen, ins Bett legen, zudecken, und Hand in Hand, den
Körper sanft schaukelnd, bei ihm bleiben, bis der Herr Doktor eingeschlafen war. (Antunes
1997, 134)
Solche fast schon anrĂŒhrenden Dokumente der kindlichen Hilflosigkeit, die den
MĂ€chtigen mit den Gemeinen auf eine Stufe zieht, bilden einen grotesken Dissens
gegenĂŒber den herrschaftlichen GesprĂ€chen mit Salazar, oder der Erteilung von
Mordbefehlen, denen unter anderem auch Salazars Gegenkandidat, General Hum-
berto Delgado zum Opfer fÀllt und der, mit dem Direktor der politischen Polizei
PIDE gemeinsam vollzogenen, willkĂŒrlichen Erstellung von Dissidentenlisten.
Zwischen diesen beiden Extremen14 liegen jedoch verschiedene Stadien,
die sich, von mehreren Perspektiven aus betrachtet, zusammenfĂŒgen. In ihnen
liegt auch die âextremeâ Bildlichkeit verborgen, die den Untergang Ă€sthetisch
zu konkretisieren vermag. Am deutlichsten wird das noch einmal im letzten
Bericht des Romans. Francisco liegt als hilfloser Greis, seinem eigenen verwel-
kenden Körper entfremdet und umgeben von manchmal sÀuselnden, manchmal
fluchenden Schwestern, im Altenheim und ergeht sich in Reminiszenzen ĂŒber
seine entschwundene Macht und sein verlorenes GlĂŒck mit Isabel. Sein höchstes
Begehren besteht in der Wiederbegegnung mit seiner Frau und der Neueinrich-
tung des Landguts in Palmela, das inzwischen schon lÀngst von einer raffgierigen
Verwandtschaft gewinnbringend vermarktet wurde. Der moderne Kapitalfaschis-
mus (oder sollte ich lieber sagen, Kapitalfetischismus) ist an die Stelle des traditi-
onsbewussten elitÀren und autoritÀtsglÀubigen Standesfaschismus getreten, die
Bettpfanne metonymisch an die Stelle des weiĂen Leinenanzugs gerĂŒckt, dem
eingefallenen und zahnlosen Mund fehlt das Zigarillo, das Insignum phallokrati-
scher TÀter-Macht. Die Sehnsucht danach, wieder TÀter zu sein, erhöht noch die
Erscheinung Franciscos als Opfer. Das quÀlende Dasein im Heim verlÀuft nÀmlich
14â Ein Ă€hnliches Schicksal widerfĂ€hrt dem dominikanischen Diktator Trujillo in Vargas Llosas
Roman Das Fest des Ziegenbocks (2001 [2000]), der sich als inkontinent und damit als vom al-
ternden Körper beherrscht wahrnehmen muss.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher