Seite - 253 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Bild der Seite - 253 -
Text der Seite - 253 -
Opfertäter und Täteropfer als Figurationen des Dritten?
253
Lampen im Haus löschte und die Zimmer zu Schattenlabyrinthen voller Schrankmassen
und hohler, leerer Spiegel in den holzgeschnittenen Rahmen wurden, aus denen sich alle
Gesichter zurückgezogen hatten, ein zweiter Blitz, ein dritter, das Heulen der Hunde, das
schmerzliche Winseln der Kastanienbäume, und im selben Augenblick, in dem sich die
Dunkelheiten am Himmel entluden, stand der Herr Doktor an der Tür des Gästezimmers
wie ein Gekreuzigter in der Kirche – Isabel der Junge greinte im Dunkeln, wollte auf den
Arm, wollte Bonbons, Pipi machen, doch Gott möge mir verzeihen, aber in diesem Augen-
blick wollte ich nicht Joaozinho auf den Schoß nehmen, sondern den Vater, ihn auf den
Arm nehmen, mich mit ihm, eng an die Brust gedrückt, seine Nase an meinem Hals, vom
Gästezimmer entfernen, ihn ausziehen, ins Bett legen, zudecken, und Hand in Hand, den
Körper sanft schaukelnd, bei ihm bleiben, bis der Herr Doktor eingeschlafen war. (Antunes
1997, 134)
Solche fast schon anrührenden Dokumente der kindlichen Hilflosigkeit, die den
Mächtigen mit den Gemeinen auf eine Stufe zieht, bilden einen grotesken Dissens
gegenüber den herrschaftlichen Gesprächen mit Salazar, oder der Erteilung von
Mordbefehlen, denen unter anderem auch Salazars Gegenkandidat, General Hum-
berto Delgado zum Opfer fällt und der, mit dem Direktor der politischen Polizei
PIDE gemeinsam vollzogenen, willkürlichen Erstellung von Dissidentenlisten.
Zwischen diesen beiden Extremen14 liegen jedoch verschiedene Stadien,
die sich, von mehreren Perspektiven aus betrachtet, zusammenfügen. In ihnen
liegt auch die ‚extreme‘ Bildlichkeit verborgen, die den Untergang ästhetisch
zu konkretisieren vermag. Am deutlichsten wird das noch einmal im letzten
Bericht des Romans. Francisco liegt als hilfloser Greis, seinem eigenen verwel-
kenden Körper entfremdet und umgeben von manchmal säuselnden, manchmal
fluchenden Schwestern, im Altenheim und ergeht sich in Reminiszenzen über
seine entschwundene Macht und sein verlorenes Glück mit Isabel. Sein höchstes
Begehren besteht in der Wiederbegegnung mit seiner Frau und der Neueinrich-
tung des Landguts in Palmela, das inzwischen schon längst von einer raffgierigen
Verwandtschaft gewinnbringend vermarktet wurde. Der moderne Kapitalfaschis-
mus (oder sollte ich lieber sagen, Kapitalfetischismus) ist an die Stelle des traditi-
onsbewussten elitären und autoritätsgläubigen Standesfaschismus getreten, die
Bettpfanne metonymisch an die Stelle des weißen Leinenanzugs gerückt, dem
eingefallenen und zahnlosen Mund fehlt das Zigarillo, das Insignum phallokrati-
scher Täter-Macht. Die Sehnsucht danach, wieder Täter zu sein, erhöht noch die
Erscheinung Franciscos als Opfer. Das quälende Dasein im Heim verläuft nämlich
14 Ein ähnliches Schicksal widerfährt dem dominikanischen Diktator Trujillo in Vargas Llosas
Roman Das Fest des Ziegenbocks (2001 [2000]), der sich als inkontinent und damit als vom al-
ternden Körper beherrscht wahrnehmen muss.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher