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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    261 von Freund und Feind, des Eigenen und Fremden sowie von Innen und Außen changiert bzw. deren Grenzen verwischt. Im Folgenden geht dieser Beitrag daher von der These aus, dass Nachbar- schaft in Vielleicht Esther untrennbar mit Fragen der Komplizen- und MitlĂ€ufer- schaft und der implication verbunden ist, die nach Michael Rothberg als „modes of historical relation that do not necessarily fall under the more direct forms of participation associated with traumatic events, such as victimisation and per- petration“ (2013, 40), verstanden werden können. Rothberg fĂŒhrte den Begriff der implication in aktuelle Debatten um Holocaust-Erinnerung ein, um auf das Problem zunehmender historischer Distanz einzugehen (2013, 2014a, 2014b). Nach Meinung Rothbergs muss der Fokus auf direkte Teilnahme an den Verbre- chen und aktive TĂ€terschaft, der fĂŒr gegenwĂ€rtige und kommende Generationen immer weniger relevant ist, durch einen strukturellen Ansatz ersetzt werden, der „the conditions of possibility of violence as well as its lingering impact“ (2014b) zum Ziel hat und also jene (möglicherweise fortbestehenden) Grundbedingun- gen reflektiert, die die Gewalttaten des Holocausts (und anderer Genozide) ĂŒber- haupt erst ermöglicht haben.4 Implication bietet sich daher als Konzept an, um vermittelte Formen der Teilnahme, TĂ€terschaft oder auch der MittĂ€ter- und Nutz- nießerschaft, die sich jenseits der BinĂ€ropposition von Opfer und TĂ€ter*innen abspielen, zu untersuchen und zugleich die Langzeiteffekte großflĂ€chiger Ge walt- erfahrungen in den Fokus zu rĂŒcken. Insofern lĂ€sst sich an Figuren der Nach- barschaft und der implication auch ĂŒberprĂŒfen, inwieweit Vielleicht Esther den Anspruch der Autorin Katja Petrowskaja umsetzt, die von ihr als unproduktiv empfundenen Kategorien „Opfer“ und „TĂ€ter“ zu verabschieden: „Und so konnte ich davon erzĂ€hlen, dass die Geschichte von Opfer und TĂ€ter fĂŒr mich passĂ© ist. Wenn man die Rollenfestlegung immer weiter trĂ€gt, dann bleibt man unwei- gerlich darin stecken, ohne etwas zu verstehen“ (Heimann 2013).5 Gleichzeitig wirft Rothbergs Konzept die wichtige Frage auf, wie sich ein solcher struktureller Ansatz erzĂ€hlen und erinnern lĂ€sst und hier wiederum bieten die Literatur, und kĂŒnstlerische Diskurse im Allgemeinen, mögliche AnsĂ€tze. 4  Max Silverman denkt in eine Ă€hnliche Richtung, er verwendet allerdings den Begriff der com- plicity, i.e. der Komplizenschaft (2010). 5  DarĂŒber hinaus ist die Figur des Nachbarn – und insbesondere der Aufruf, diesen zu lieben, wie sich selbst – nicht nur fĂŒr das judĂ€o-christliche Wertesystem zentral, wie Slavoj ĆœiĆŸek, Eric L. Santner und Kenneth Reinhard aufgezeigt haben (2005), sondern auch von enormer Wichtigkeit fĂŒr den deutsch-jĂŒdischen Diskurs seit dem Mittelalter. Bisher gibt es keine systematische Aufar- beitung dieser Konstellation in der deutsch-jĂŒdischen Debatte.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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