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Liaisons Dangereuses
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von Freund und Feind, des Eigenen und Fremden sowie von Innen und Außen
changiert bzw. deren Grenzen verwischt.
Im Folgenden geht dieser Beitrag daher von der These aus, dass Nachbar-
schaft in Vielleicht Esther untrennbar mit Fragen der Komplizen- und Mitläufer-
schaft und der implication verbunden ist, die nach Michael Rothberg als „modes
of historical relation that do not necessarily fall under the more direct forms of
participation associated with traumatic events, such as victimisation and per-
petration“ (2013, 40), verstanden werden können. Rothberg führte den Begriff
der implication in aktuelle Debatten um Holocaust-Erinnerung ein, um auf das
Problem zunehmender historischer Distanz einzugehen (2013, 2014a, 2014b).
Nach Meinung Rothbergs muss der Fokus auf direkte Teilnahme an den Verbre-
chen und aktive Täterschaft, der für gegenwärtige und kommende Generationen
immer weniger relevant ist, durch einen strukturellen Ansatz ersetzt werden, der
„the conditions of possibility of violence as well as its lingering impact“ (2014b)
zum Ziel hat und also jene (möglicherweise fortbestehenden) Grundbedingun-
gen reflektiert, die die Gewalttaten des Holocausts (und anderer Genozide) über-
haupt erst ermöglicht haben.4 Implication bietet sich daher als Konzept an, um
vermittelte Formen der Teilnahme, Täterschaft oder auch der Mittäter- und Nutz-
nießerschaft, die sich jenseits der Binäropposition von Opfer und Täter*innen
abspielen, zu untersuchen und zugleich die Langzeiteffekte großflächiger Ge
walt-
erfahrungen in den Fokus zu rücken. Insofern lässt sich an Figuren der Nach-
barschaft und der implication auch überprüfen, inwieweit Vielleicht Esther den
Anspruch der Autorin Katja Petrowskaja umsetzt, die von ihr als unproduktiv
empfundenen Kategorien „Opfer“ und „Täter“ zu verabschieden: „Und so konnte
ich davon erzählen, dass die Geschichte von Opfer und Täter für mich passé ist.
Wenn man die Rollenfestlegung immer weiter trägt, dann bleibt man unwei-
gerlich darin stecken, ohne etwas zu verstehen“ (Heimann 2013).5 Gleichzeitig
wirft Rothbergs Konzept die wichtige Frage auf, wie sich ein solcher struktureller
Ansatz erzählen und erinnern lässt und hier wiederum bieten die Literatur, und
künstlerische Diskurse im Allgemeinen, mögliche Ansätze.
4 Max Silverman denkt in eine ähnliche Richtung, er verwendet allerdings den Begriff der com-
plicity, i.e. der Komplizenschaft (2010).
5 Darüber hinaus ist die Figur des Nachbarn – und insbesondere der Aufruf, diesen zu lieben,
wie sich selbst – nicht nur für das judäo-christliche Wertesystem zentral, wie Slavoj Žižek, Eric L.
Santner und Kenneth Reinhard aufgezeigt haben (2005), sondern auch von enormer Wichtigkeit
für den deutsch-jüdischen Diskurs seit dem Mittelalter. Bisher gibt es keine systematische Aufar-
beitung dieser Konstellation in der deutsch-jüdischen Debatte.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher