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Liaisons Dangereusesâ â
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TĂ€ter*innen âgehörenâ, sondern auch, wie das VerhĂ€ltnis von KontinuitĂ€t und Dis-
kontinuitÀt zu denken ist:
Im Jahr 1939, als der Krieg begann, lebte eine Million Menschen in Warschau, neunund-
dreiĂig Prozent davon Juden [âŠ], diese NeununddreiĂig verĂ€nderte fĂŒr mich alles. Bei
neununddreiĂig geht es nicht mehr um wir und die anderen, sondern um dich und deinen
Nachbarn, dachte ich, um jeden zweiten oder dritten, um dich und mich [âŠ]. Wie soll man
der HĂ€lfte der Stadt gedenken? Und wie kann man hier noch leben? Wenn man wie in Berlin
fĂŒr jeden Menschen einen Stolperstein der Erinnerung in den BĂŒrgersteig einlassen wĂŒrde,
wĂ€ren die Gassen und StraĂen von Warschau mit goldenen Steinen gepflastert. (VE, 105)
Indem die ErzĂ€hlerin fragt, wie man dieser âHĂ€lfte der Stadtâ (VE, 105) gedenken
solle, wirft sie das Thema der Erinnerbarkeit auf, die in diesem Falle nicht nur
durch QuantitÀten gefÀhrdet ist, d.h. die schiere Masse der zu erinnernden Opfer,
die ihren Ausdruck in den hypothetischen, mit Goldsteinen gepflasterten StraĂen
Warschaus findet. Es geht auch um das VerhÀltnis von KontinuitÀt und Diskonti-
nuitĂ€t, das zentral fĂŒr die Problematik der implication ist. Denn eine âimplicatedâ
Perspektive auf den Holocaust erweitert nicht nur das Spektrum zwischen âOpferâ
und âTĂ€ter*innenâ um diverse Grauzonen, sondern geht auch von einer unumstöĂ-
lichen Verflochtenheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus, die eben
keinen endgĂŒltigen Schlussstrich zwischen heute und gestern zulĂ€sst. Gerade
diese Verstrickungen und KontinuitÀten werden jedoch nach Meinung der ErzÀh-
lerin im polnischen Kontext systematisch verneint, in dem die âSpuren dieses [des
jĂŒdischen] Lebens wie Fremdkörperâ (VE, 105) behandelt werden. Gleichzeitig
deckt sie auf ihren Reisen wiederholt die zwar verdrÀngten, aber dennoch beste-
henden Ăberlagerungen von jĂŒdischem und nicht-jĂŒdischem Leben auf, die sich
vor allem rÀumlich, als eine Art ungewollte Nachbarschaft oder Ko-Habitation,
Ă€uĂern. Dies wird besonders deutlich wĂ€hrend ihres Besuchs in der polnischen
Stadt Kalizs: Ihre Begleiterin Pani Ania macht die ErzÀhlerin darauf aufmerksam,
âdass einige StraĂen der Stadt mit Grabsteinen aus dem alten jĂŒdischen Friedhofâ
(VE, 135) gepflastert sind. UrsprĂŒnglich wurden diese Grabsteine mit der RĂŒckseite
nach oben in die StraĂen eingelassen, so dass sie nicht als Grabsteine zu erkennen
waren; nach einer Erneuerung der StraĂen zu einem spĂ€teren Zeitpunkt jedoch
wurden sie unbeabsichtigterweise zum Teil mit der Vorderseite nach oben verlegt.
Diese als Pflastersteine missbrauchten jĂŒdischen Grabsteine fungieren nicht nur
als Sinnbild fĂŒr schockierende PietĂ€tlosigkeit und die Missachtung des jĂŒdischen
Erbes im polnischen Kontext, sondern auch fĂŒr die unausweichliche Wiederkehr
des VerdrĂ€ngten, das sich aus der Verflochtenheit jĂŒdischen und nicht-jĂŒdischen
Lebens und Sterbens vor und nach dem Krieg ergibt.
Es stellt sich im Hinblick auf diese Beobachtungen der ErzÀhlerin die Frage,
wie eine produktivere Form des Erinnerns aussehen könnte, die die kompli-
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher