Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lehrbücher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Seite - 267 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 267 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Bild der Seite - 267 -

Bild der Seite - 267 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text der Seite - 267 -

Liaisons Dangereuses    267 Täter*innen ‚gehören‘, sondern auch, wie das Verhältnis von Kontinuität und Dis- kontinuität zu denken ist: Im Jahr 1939, als der Krieg begann, lebte eine Million Menschen in Warschau, neunund- dreißig Prozent davon Juden […], diese Neununddreißig veränderte für mich alles. Bei neununddreißig geht es nicht mehr um wir und die anderen, sondern um dich und deinen Nachbarn, dachte ich, um jeden zweiten oder dritten, um dich und mich […]. Wie soll man der Hälfte der Stadt gedenken? Und wie kann man hier noch leben? Wenn man wie in Berlin für jeden Menschen einen Stolperstein der Erinnerung in den Bürgersteig einlassen würde, wären die Gassen und Straßen von Warschau mit goldenen Steinen gepflastert. (VE, 105) Indem die Erzählerin fragt, wie man dieser „Hälfte der Stadt“ (VE, 105) gedenken solle, wirft sie das Thema der Erinnerbarkeit auf, die in diesem Falle nicht nur durch Quantitäten gefährdet ist, d.h. die schiere Masse der zu erinnernden Opfer, die ihren Ausdruck in den hypothetischen, mit Goldsteinen gepflasterten Straßen Warschaus findet. Es geht auch um das Verhältnis von Kontinuität und Diskonti- nuität, das zentral für die Problematik der implication ist. Denn eine „implicated“ Perspektive auf den Holocaust erweitert nicht nur das Spektrum zwischen ‚Opfer‘ und ‚Täter*innen‘ um diverse Grauzonen, sondern geht auch von einer unumstöß- lichen Verflochtenheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus, die eben keinen endgültigen Schlussstrich zwischen heute und gestern zulässt. Gerade diese Verstrickungen und Kontinuitäten werden jedoch nach Meinung der Erzäh- lerin im polnischen Kontext systematisch verneint, in dem die „Spuren dieses [des jüdischen] Lebens wie Fremdkörper“ (VE, 105) behandelt werden. Gleichzeitig deckt sie auf ihren Reisen wiederholt die zwar verdrängten, aber dennoch beste- henden Überlagerungen von jüdischem und nicht-jüdischem Leben auf, die sich vor allem räumlich, als eine Art ungewollte Nachbarschaft oder Ko-Habitation, äußern. Dies wird besonders deutlich während ihres Besuchs in der polnischen Stadt Kalizs: Ihre Begleiterin Pani Ania macht die Erzählerin darauf aufmerksam, „dass einige Straßen der Stadt mit Grabsteinen aus dem alten jüdischen Friedhof“ (VE, 135) gepflastert sind. Ursprünglich wurden diese Grabsteine mit der Rückseite nach oben in die Straßen eingelassen, so dass sie nicht als Grabsteine zu erkennen waren; nach einer Erneuerung der Straßen zu einem späteren Zeitpunkt jedoch wurden sie unbeabsichtigterweise zum Teil mit der Vorderseite nach oben verlegt. Diese als Pflastersteine missbrauchten jüdischen Grabsteine fungieren nicht nur als Sinnbild für schockierende Pietätlosigkeit und die Missachtung des jüdischen Erbes im polnischen Kontext, sondern auch für die unausweichliche Wiederkehr des Verdrängten, das sich aus der Verflochtenheit jüdischen und nicht-jüdischen Lebens und Sterbens vor und nach dem Krieg ergibt. Es stellt sich im Hinblick auf diese Beobachtungen der Erzählerin die Frage, wie eine produktivere Form des Erinnerns aussehen könnte, die die kompli-
zurück zum  Buch Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten