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Liaisons Dangereusesâ â
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Ein solch europÀisches Bewusstsein und GedÀchtnis sind jedoch aus der Per-
spektive des Textes Vielleicht Esther (und auch ansonsten) ein ferner Traum; ein
Umstand, dessen sich auch die ErzĂ€hlerin schmerzlich bewusst ist: â[âŠ] sogar im
Gedenken setzt die Selektion sich fortâ (VE, 191). Die âgemeinsame Erinnerungâ
erscheint also realpolitisch nicht umsetzbar, dafĂŒr ist sie jedoch kĂŒnstlerisch dar-
stellbar: Es ist kein Zufall, dass Vielleicht Esther geprÀgt ist durch eine Metapho-
rik und Poetik des Klöppelns, Strickens, oder Webens (siehe hierzu Roca Lizarazu
2018), die unsichtbare Vernetzungen sichtbar macht und neue VerknĂŒpfungen
schafft und damit auf der Ebene der Form reflektiert, was Rothberg (2013, 2014a,
2014b) unter dem Schlagwort implication â was sich auf deutsch als âVerwick-
lungâ oder âVerstrickungâ ĂŒbersetzen lĂ€sst â theoretisch zu denken versucht.
Zum einen finden sich im Text zahlreiche Motive der Vernetzung, etwa wenn
die ErzĂ€hlerin ihre Reisen als eine Suche nach den âinneren Verbindungen [ihrer]
Familieâ (VE, 120) beschreibt, also als einen Versuch, VerknĂŒpfungen offenzule-
gen aber mitunter auch erst herzustellen. Noch offensichtlicher tritt die Metapho-
rik des Gewebes in den zahlreichen Verweisen auf das Internet â im Englischen
als World Wide Web bekannt â zu Tage. Das Internet wird von der ErzĂ€hlerin als
ein Medium prÀsentiert, das unterschiedliche Menschen, Orte und Geschichten
im wahrsten Sinne des Wortes vernetzt und auf diese Weise Verkettungen auf-
zeigt oder ĂŒberhaupt erst produziert, etwa wenn die ErzĂ€hlerin in der Online-
Datenbank von Yad Vashem auf eine (mögliche) entfernte Verwandte, Mira Kim-
melmann, stöĂt (VE, 118â128).
Solche Praktiken der Verwebung sind jedoch nicht nur fĂŒr die Motivik und
Bildsprache, sondern auch fĂŒr die Poetik der Geschichtensammlung Vielleicht
Esther zentral, die von Lucia Perrone Capano als âBuch der Verflechtungenâ
(2018, 98) bezeichnet wird. Vielleicht Esther bleibt damit der Herkunft des Wortes
âTextâ treu, das von lateinisch textum abstammt, was Gewebe oder Geflecht
bedeutet. Diese Verflechtungen bestehen zum einen zwischen Petrowskajas
Buch und diversen anderen Texten, die Vielleicht Esther in Form intertextueller
FĂ€den durchziehen. Wichtig sind insbesondere wiederkehrende BezĂŒge auf die
griechischen Mythen und die homerischen Epen: die Suche der ErzÀhlerin ist
nicht nur âeine Reise in das Labyrinth der Geschichteâ (Perrone Capano 2018,
100), in dem sie sich mit Hilfe des âAriadnefaden[s]â des ErzĂ€hlens zu orientie-
ren sucht (VE, 62), ihre Reisen gemahnen auch an die Odyssee und ihre GroĂ-
mutter vĂ€terlicherseits wird beschrieben als âPenelopeâ (VE, 19); gleichzeitig
identifiziert die ErzÀhlerin sich auch mit Achilles und seiner verletzlichen Ferse
(VE, 216â217). Verdichtet wird das Textgeflecht von Vielleicht Esther zum anderen
durch die Mehrsprachigkeit des Buches, das neben dem Deutschen auch Ver-
satzstĂŒcke aus dem Englischen, Jiddischen, Polnischen, Russischen und Ukra-
inischen beherbergt (siehe zum Thema Mehrsprachigkeit auch BĂŒhler-Dietrich
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher