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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    269 Ein solch europĂ€isches Bewusstsein und GedĂ€chtnis sind jedoch aus der Per- spektive des Textes Vielleicht Esther (und auch ansonsten) ein ferner Traum; ein Umstand, dessen sich auch die ErzĂ€hlerin schmerzlich bewusst ist: „[
] sogar im Gedenken setzt die Selektion sich fort“ (VE, 191). Die „gemeinsame Erinnerung“ erscheint also realpolitisch nicht umsetzbar, dafĂŒr ist sie jedoch kĂŒnstlerisch dar- stellbar: Es ist kein Zufall, dass Vielleicht Esther geprĂ€gt ist durch eine Metapho- rik und Poetik des Klöppelns, Strickens, oder Webens (siehe hierzu Roca Lizarazu 2018), die unsichtbare Vernetzungen sichtbar macht und neue VerknĂŒpfungen schafft und damit auf der Ebene der Form reflektiert, was Rothberg (2013, 2014a, 2014b) unter dem Schlagwort implication – was sich auf deutsch als „Verwick- lung“ oder „Verstrickung“ ĂŒbersetzen lĂ€sst – theoretisch zu denken versucht. Zum einen finden sich im Text zahlreiche Motive der Vernetzung, etwa wenn die ErzĂ€hlerin ihre Reisen als eine Suche nach den „inneren Verbindungen [ihrer] Familie“ (VE, 120) beschreibt, also als einen Versuch, VerknĂŒpfungen offenzule- gen aber mitunter auch erst herzustellen. Noch offensichtlicher tritt die Metapho- rik des Gewebes in den zahlreichen Verweisen auf das Internet – im Englischen als World Wide Web bekannt – zu Tage. Das Internet wird von der ErzĂ€hlerin als ein Medium prĂ€sentiert, das unterschiedliche Menschen, Orte und Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes vernetzt und auf diese Weise Verkettungen auf- zeigt oder ĂŒberhaupt erst produziert, etwa wenn die ErzĂ€hlerin in der Online- Datenbank von Yad Vashem auf eine (mögliche) entfernte Verwandte, Mira Kim- melmann, stĂ¶ĂŸt (VE, 118–128). Solche Praktiken der Verwebung sind jedoch nicht nur fĂŒr die Motivik und Bildsprache, sondern auch fĂŒr die Poetik der Geschichtensammlung Vielleicht Esther zentral, die von Lucia Perrone Capano als „Buch der Verflechtungen“ (2018, 98) bezeichnet wird. Vielleicht Esther bleibt damit der Herkunft des Wortes „Text“ treu, das von lateinisch textum abstammt, was Gewebe oder Geflecht bedeutet. Diese Verflechtungen bestehen zum einen zwischen Petrowskajas Buch und diversen anderen Texten, die Vielleicht Esther in Form intertextueller FĂ€den durchziehen. Wichtig sind insbesondere wiederkehrende BezĂŒge auf die griechischen Mythen und die homerischen Epen: die Suche der ErzĂ€hlerin ist nicht nur „eine Reise in das Labyrinth der Geschichte“ (Perrone Capano 2018, 100), in dem sie sich mit Hilfe des „Ariadnefaden[s]“ des ErzĂ€hlens zu orientie- ren sucht (VE, 62), ihre Reisen gemahnen auch an die Odyssee und ihre Groß- mutter vĂ€terlicherseits wird beschrieben als „Penelope“ (VE, 19); gleichzeitig identifiziert die ErzĂ€hlerin sich auch mit Achilles und seiner verletzlichen Ferse (VE, 216–217). Verdichtet wird das Textgeflecht von Vielleicht Esther zum anderen durch die Mehrsprachigkeit des Buches, das neben dem Deutschen auch Ver- satzstĂŒcke aus dem Englischen, Jiddischen, Polnischen, Russischen und Ukra- inischen beherbergt (siehe zum Thema Mehrsprachigkeit auch BĂŒhler-Dietrich
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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