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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    271 Somit tritt das Gewebe nicht zuletzt auch als zentrale poetologische Metapher hervor, denn ErzĂ€hlen, verstanden als die Freilegung und Erzeugung von VerknĂŒp- fungen, wird im Text immer wieder mit „Handarbeit“, insbesondere mit Spinnerei gleichgesetzt: „Ich sollte spinnen, beherrschte aber keine Handarbeit“ (VE, 134). In diesem Zitat schwingen nicht nur erneut Referenzen auf diverse Gestalten aus den antiken Mythen und Epen mit, die allesamt mit Praktiken des Spinnens oder Webens verknĂŒpft sind (Arachne, Ariadne, Athene, Clotho, Penelope), sondern auch AnklĂ€nge an die deutsche Formulierung „Garn spinnen“ oder „sich etwas zusammenspinnen“ fĂŒr LĂŒgen oder Fantasieren oder sogar „spinnen“ im Sinne von verrĂŒckt sein. Diese Konnotationen greifen das fĂŒr den Text zentrale VerhĂ€lt- nis von Fakt und Fiktion, Wahrheit und LĂŒge auf. Indem die ErzĂ€hlerin anmerkt, dass sie „keine Handarbeit“ beherrsche, verweist sie zudem darauf, dass sie abge- schnitten ist vom Familienerbe, das ĂŒber Jahrhunderte darin bestand, taubstum- men Kindern mittels Zeichensprache das Sprechen beizubringen. Insofern ergibt das von der ErzĂ€hlerin gestaltete Textgewebe Vielleicht Esther denn auch keine ebenmĂ€ĂŸigen Muster, sondern lediglich „kleine Fetzen“ (VE, 134) in Gestalt der fragmentarischen „Geschichten“ und „verlorene[n] FĂ€den“ (VE, 134), die sich nicht zu einer kohĂ€renten FamilienerzĂ€hlung zusammenfĂŒgen lassen. Die formale Gestaltung des Textes ist demnach untrennbar mit den Themen Nachbarschaft und implication verbunden, indem eben genau jene VerknĂŒp- fungen, Verkettungen und Verstrickungen, die im offiziellen GedĂ€chtnis hĂ€ufig verdrĂ€ngt werden, zum Stilprinzip erhoben werden. Dies zeigt sich darin, dass die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts nicht als teleologisch angelegte MeistererzĂ€hlung, sondern als Gewebe aus „kleinen Fetzen“ prĂ€sen- tiert wird, gekennzeichnet durch FragmentarizitĂ€t, zeitliche SprĂŒnge, unerwar- tete VerknĂŒpfungen und zahl reiche Abzweigungen und Seitenpfade. Das zu Beginn dieses Abschnitts angefĂŒhrte Zitat aus Vielleicht Esther ver- deutlicht, wie Nachbarschaft und implication zum einen ein anderes, ‚gemein- sames‘ Erinnern und zum anderen neue ErzĂ€hlweisen notwendig werden lassen. Abschließend soll darauf eingegangen werden, dass eine „implicated“ Perspek- tive auch die Problematik der Zeugenschaft in einem neuen Licht erscheinen lĂ€sst. Da es sich bei implicated subjects (Rothberg 2014a) um Personen handelt, die ent- weder ihre Teilnahme am Geschehen zu verdrĂ€ngen wĂŒnschen (beispielsweise im Falle der MittĂ€ter*innen und Kompliz*innen) oder (angeblich) nicht bewusst an den Ereignissen teilgenommen haben (so z.B. Nachbar*innen, Passant*innen etc.), können (und wollen) diese Figuren nur bedingt Zeugnis ablegen. Dies wird aufgefasst werden können; das Palimpsest und die assoziative Überblendung erscheinen also als mögliche Merkmale einer Poetik der implication.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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