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Liaisons Dangereuses
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Somit tritt das Gewebe nicht zuletzt auch als zentrale poetologische Metapher
hervor, denn Erzählen, verstanden als die Freilegung und Erzeugung von Verknüp-
fungen, wird im Text immer wieder mit „Handarbeit“, insbesondere mit Spinnerei
gleichgesetzt: „Ich sollte spinnen, beherrschte aber keine Handarbeit“ (VE, 134).
In diesem Zitat schwingen nicht nur erneut Referenzen auf diverse Gestalten aus
den antiken Mythen und Epen mit, die allesamt mit Praktiken des Spinnens oder
Webens verknüpft sind (Arachne, Ariadne, Athene, Clotho, Penelope), sondern
auch Anklänge an die deutsche Formulierung „Garn spinnen“ oder „sich etwas
zusammenspinnen“ für Lügen oder Fantasieren oder sogar „spinnen“ im Sinne
von verrückt sein. Diese Konnotationen greifen das für den Text zentrale Verhält-
nis von Fakt und Fiktion, Wahrheit und Lüge auf. Indem die Erzählerin anmerkt,
dass sie „keine Handarbeit“ beherrsche, verweist sie zudem darauf, dass sie abge-
schnitten ist vom Familienerbe, das über Jahrhunderte darin bestand, taubstum-
men Kindern mittels Zeichensprache das Sprechen beizubringen. Insofern ergibt
das von der Erzählerin gestaltete Textgewebe Vielleicht Esther denn auch keine
ebenmäßigen Muster, sondern lediglich „kleine Fetzen“ (VE, 134) in Gestalt der
fragmentarischen „Geschichten“ und „verlorene[n] Fäden“ (VE, 134), die sich
nicht zu einer kohärenten Familienerzählung zusammenfügen lassen.
Die formale Gestaltung des Textes ist demnach untrennbar mit den Themen
Nachbarschaft und implication verbunden, indem eben genau jene Verknüp-
fungen, Verkettungen und Verstrickungen, die im offiziellen Gedächtnis häufig
verdrängt werden, zum Stilprinzip erhoben werden. Dies zeigt sich darin, dass
die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts nicht als teleologisch
angelegte Meistererzählung, sondern als Gewebe aus „kleinen Fetzen“ präsen-
tiert wird, gekennzeichnet durch Fragmentarizität, zeitliche Sprünge, unerwar-
tete Verknüpfungen und zahl reiche Abzweigungen und Seitenpfade.
Das zu Beginn dieses Abschnitts angeführte Zitat aus Vielleicht Esther ver-
deutlicht, wie Nachbarschaft und implication zum einen ein anderes, ‚gemein-
sames‘ Erinnern und zum anderen neue Erzählweisen notwendig werden lassen.
Abschließend soll darauf eingegangen werden, dass eine „implicated“ Perspek-
tive auch die Problematik der Zeugenschaft in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Da es sich bei implicated subjects (Rothberg 2014a) um Personen handelt, die ent-
weder ihre Teilnahme am Geschehen zu verdrängen wünschen (beispielsweise
im Falle der Mittäter*innen und Kompliz*innen) oder (angeblich) nicht bewusst
an den Ereignissen teilgenommen haben (so z.B. Nachbar*innen, Passant*innen
etc.), können (und wollen) diese Figuren nur bedingt Zeugnis ablegen. Dies wird
aufgefasst werden können; das Palimpsest und die assoziative Überblendung erscheinen also
als mögliche Merkmale einer Poetik der implication.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher