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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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274    Maria Roca Lizarazu anderes, nicht rein biologisch definiertes VerstĂ€ndnis von Familie einlĂ€sst: „[
] und je geringer diese Chance war, desto klarer wurde mir, dass ich alle Aufgeliste- ten zu den Meinigen zu zĂ€hlen hatte“ (VE, 27). Die Namensliste und die mit ihr verbundenen Themen der Nachbarschaft und des rĂ€umlichen Nebeneinanders muss daher auch im Kontext der weiter oben erwĂ€hnten Erinnerungsproblematik gesehen werden. Vielleicht Esther lotet nicht nur die Grenzen des institutionalisierten, sondern auch des familiĂ€ren GedĂ€cht- nisses aus (siehe hierzu auch Ortner 2017; Roca Lizarazu 2018), das genauso wie der offizielle historiografische oder politische Diskurs Exklusionen erzeugt. Der Text prĂ€sentiert Nachbarschaft als ein alternatives Ordnungs- und Verbindungs- prinzip, das zeitliche Abfolgen und Ursprungsdenken, und also „Genea-Logik“ (Weigel 2006), durch rĂ€umliche Lagerung und mithin einen topografischen Zugang ersetzt. Durch diese Operation wird das ermöglicht, was Marianne Hirsch als „affiliative“ Formen der postmemory beschreibt (1997, 2008, 2012): gemeint sind damit all jene Formen des NachgedĂ€chtnisses, die nicht auf der „intergene- rational vertical identification of child and parent occurring within the family“ (Hirsch 2012, 36) beruhen, d.h. Formen der Identifikation, die auf Adoption und Wahlverwandtschaften fußen. Eröffnet werden dadurch Möglichkeiten der Erin- nerungsvernetzung, die auch jener Opfer gedenken, die nicht zum unmittelbaren Kreis der biologisch (oder ethnisch, national etc.) definierten „Meinigen“ (VE, 27) gehören. Der Zusamenhang von Nachbarschaft, „affiliation“ und (post-)familiĂ€- rer Erinnerungsgemeinschaft fĂŒgt damit dem weiter oben erwĂ€hnten Programm der „gemeinsame[n] Erinnerung“ eine zusĂ€tzliche Facette bei. Gemeint ist damit nicht nur eine „multidirectional“ Erinnerung im Sinne Michael Rothbergs (2009; Verweise auf Rothbergs Konzept der multidirectional memory finden sich auch bei Perrone Capano 2018), die die Verstrickungen zwischen den unter schiedlichen Gewaltereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts anerkennt, sondern auch ein bis zu einem gewissen Grad postfamiliĂ€res Erinnern, das mit der ExklusivitĂ€t des FamiliengedĂ€chtnisses bricht. Diese Erinnerungspolitik des Textes Vielleicht Esther gewinnt an Sprengkraft im Kontext der oben erwĂ€hnten, staatlich ver- ordneten Erinnerungs- und Vergessenspolitik im (post-)sowjetischen Raum, die sich systematisch weigert, bestimmte Opfer gruppen anzuerkennen. Das zufalls- gesteuerte Prinzip der Nachbarschaft bewirkt damit eine Problematisierung und, zumindest teilweise,12 Verabschiedung essentialisierender (Erinnerungs-) 12  Auch wenn Vielleicht Esther alternative, d.h. nicht biologisch oder ethnisch determinierte Formen der Erinnerungsgemeinschaft einfĂŒhrt, bleibt der Text als Ganzes doch am genealogi- schen Grundprojekt orientiert; außerdem orientieren sich die Grenzen der „affiliativen“ Inklu- sionen letzten Endes an Opfer- und TĂ€terzuschreibungen, siehe hierzu auch Roca Lizarazu 2018.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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