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Maria Roca Lizarazu
anderes, nicht rein biologisch definiertes Verständnis von Familie einlässt: „[…]
und je geringer diese Chance war, desto klarer wurde mir, dass ich alle Aufgeliste-
ten zu den Meinigen zu zählen hatte“ (VE, 27).
Die Namensliste und die mit ihr verbundenen Themen der Nachbarschaft und
des räumlichen Nebeneinanders muss daher auch im Kontext der weiter oben
erwähnten Erinnerungsproblematik gesehen werden. Vielleicht Esther lotet nicht
nur die Grenzen des institutionalisierten, sondern auch des familiären Gedächt-
nisses aus (siehe hierzu auch Ortner 2017; Roca Lizarazu 2018), das genauso wie
der offizielle historiografische oder politische Diskurs Exklusionen erzeugt. Der
Text präsentiert Nachbarschaft als ein alternatives Ordnungs- und Verbindungs-
prinzip, das zeitliche Abfolgen und Ursprungsdenken, und also „Genea-Logik“
(Weigel 2006), durch räumliche Lagerung und mithin einen topografischen
Zugang ersetzt. Durch diese Operation wird das ermöglicht, was Marianne Hirsch
als „affiliative“ Formen der postmemory beschreibt (1997, 2008, 2012): gemeint
sind damit all jene Formen des Nachgedächtnisses, die nicht auf der „intergene-
rational vertical identification of child and parent occurring within the family“
(Hirsch 2012, 36) beruhen, d.h. Formen der Identifikation, die auf Adoption und
Wahlverwandtschaften fußen. Eröffnet werden dadurch Möglichkeiten der Erin-
nerungsvernetzung, die auch jener Opfer gedenken, die nicht zum unmittelbaren
Kreis der biologisch (oder ethnisch, national etc.) definierten „Meinigen“ (VE, 27)
gehören. Der Zusamenhang von Nachbarschaft, „affiliation“ und (post-)familiä-
rer Erinnerungsgemeinschaft fügt damit dem weiter oben erwähnten Programm
der „gemeinsame[n] Erinnerung“ eine zusätzliche Facette bei. Gemeint ist damit
nicht nur eine „multidirectional“ Erinnerung im Sinne Michael Rothbergs (2009;
Verweise auf Rothbergs Konzept der multidirectional memory finden sich auch bei
Perrone Capano 2018), die die Verstrickungen zwischen den unter schiedlichen
Gewaltereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts anerkennt, sondern auch ein
bis zu einem gewissen Grad postfamiliäres Erinnern, das mit der Exklusivität
des Familiengedächtnisses bricht. Diese Erinnerungspolitik des Textes Vielleicht
Esther gewinnt an Sprengkraft im Kontext der oben erwähnten, staatlich ver-
ordneten Erinnerungs- und Vergessenspolitik im (post-)sowjetischen Raum, die
sich systematisch weigert, bestimmte Opfer
gruppen anzuerkennen. Das zufalls-
gesteuerte Prinzip der Nachbarschaft bewirkt damit eine Problematisierung
und, zumindest teilweise,12 Verabschiedung essentialisierender (Erinnerungs-)
12 Auch wenn Vielleicht Esther alternative, d.h. nicht biologisch oder ethnisch determinierte
Formen der Erinnerungsgemeinschaft einführt, bleibt der Text als Ganzes doch am genealogi-
schen Grundprojekt orientiert; außerdem orientieren sich die Grenzen der „affiliativen“ Inklu-
sionen letzten Endes an Opfer- und Täterzuschreibungen, siehe hierzu auch Roca Lizarazu 2018.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher