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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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276    Maria Roca Lizarazu Wie die Erzählerin anmerkt, sind sich die Beteiligten dieser Nachbarschaf- ten und (Wahl-)Verwandtschaften mitunter nicht bewusst – sie werden sichtbar gemacht (oder auch erst erzeugt) als Produkte der assoziativen, vernetzenden Poetik des Textes Vielleicht Esther. Literatur tritt damit als wesentliches Medium hervor, um die hier beschriebene, anti-essentialistische Logik und Politik des Nachbarschaftlichen zu veranschau lichen und umzusetzen. 5 Schluss Der vorliegende Beitrag hat versucht, sich über einen Nebenpfad, nämlich über Figuren und Figurationen des Nachbarschaftlichen, zentralen Themen im Text von Petrowskaja zu nähern: Opfertum und Täterschaft, Komplizenschaft und implication, Gedächtnis und Poetologie. Es hat sich gezeigt, dass Nachbarschafts- verhältnisse in Petrowskajas Text untrennbar mit dem verbunden sind, was Michael Rothberg als implication beschreibt, also Formen der Partizipation an Gewaltereignissen, die nicht im Opfer-Täter-Schema aufgehen, und damit Fragen der Komplizität und Kollaboration, aber auch der Nutznießerschaft und der Erb- oder Hinterlassenschaft aufwerfen. Nachbarschaftsverhältnisse dienen in Vielleicht Esther dazu, im Sinne einer erinnerungspolitischen Intervention sowohl Opfer- als auch Täterrollen zu desta- bilisieren. Indem darauf verwiesen wird, dass Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen vor und während des Zweiten Weltkriegs Nachbarn waren, wird die Distanz auf- gehoben, die notwendig wäre, um diese beiden Gruppen voneinander getrennt zu halten und als die jeweils ‚anderen‘ zu etikettieren – diese Intimisierung des jüdisch-nicht-jüdischen Verhältnisses hat jedoch im Hinblick auf Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen jeweils unterschiedliche Effekte: Im Falle der ukraini- schen und polnischen Bevölkerung wird das Nachbar schaftsverhältnis zwischen Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen von der Erzählerin zum Anlass genommen, um das in diesen Gesellschaften nach wie vor tabuisierte Thema der Kollaboration, Mittäterschaft und Nutznießerschaft zu durchdenken. Damit werden zum einen nationale Opfernarrative in Frage gestellt, die jegliche Mitverantwortung für die Verbrechen des Holocausts abwehren helfen und die lange Vorgeschichte anti- semitischer Ausschreitun gen in beiden Ländern ausblenden; zum anderen wird aber auch aufgezeigt, dass die starre Opposition von ‚Opfern‘ und ‚Täter*innen‘ wenig hilfreich ist, um Prozesse zu verstehen, die sich oft in den Grauzonen zwi- schen diesen beiden Zuschreibungen abspiel(t)en. Im Hinblick auf die jüdischen Opfer des Holocaust eröffnet das Thema Nach- barschaft „affiliative“ Zugänge, um Marianne Hirsch zu zitieren (1997, 2008, 2012), die eine Erweiterung der vornehmlich familiären und ethnisch kodierten
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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