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Maria Roca Lizarazu
Wie die Erzählerin anmerkt, sind sich die Beteiligten dieser Nachbarschaf-
ten und (Wahl-)Verwandtschaften mitunter nicht bewusst – sie werden sichtbar
gemacht (oder auch erst erzeugt) als Produkte der assoziativen, vernetzenden
Poetik des Textes Vielleicht Esther. Literatur tritt damit als wesentliches Medium
hervor, um die hier beschriebene, anti-essentialistische Logik und Politik des
Nachbarschaftlichen zu veranschau lichen und umzusetzen.
5 Schluss
Der vorliegende Beitrag hat versucht, sich über einen Nebenpfad, nämlich über
Figuren und Figurationen des Nachbarschaftlichen, zentralen Themen im Text
von Petrowskaja zu nähern: Opfertum und Täterschaft, Komplizenschaft und
implication, Gedächtnis und Poetologie. Es hat sich gezeigt, dass Nachbarschafts-
verhältnisse in Petrowskajas Text untrennbar mit dem verbunden sind, was
Michael Rothberg als implication beschreibt, also Formen der Partizipation an
Gewaltereignissen, die nicht im Opfer-Täter-Schema aufgehen, und damit Fragen
der Komplizität und Kollaboration, aber auch der Nutznießerschaft und der Erb-
oder Hinterlassenschaft aufwerfen.
Nachbarschaftsverhältnisse dienen in Vielleicht Esther dazu, im Sinne einer
erinnerungspolitischen Intervention sowohl Opfer- als auch Täterrollen zu desta-
bilisieren. Indem darauf verwiesen wird, dass Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen
vor und während des Zweiten Weltkriegs Nachbarn waren, wird die Distanz auf-
gehoben, die notwendig wäre, um diese beiden Gruppen voneinander getrennt
zu halten und als die jeweils ‚anderen‘ zu etikettieren – diese Intimisierung des
jüdisch-nicht-jüdischen Verhältnisses hat jedoch im Hinblick auf Jüd*innen
und Nicht-Jüd*innen jeweils unterschiedliche Effekte: Im Falle der ukraini-
schen und polnischen Bevölkerung wird das Nachbar schaftsverhältnis zwischen
Jüd*innen und Nicht-Jüd*innen von der Erzählerin zum Anlass genommen, um
das in diesen Gesellschaften nach wie vor tabuisierte Thema der Kollaboration,
Mittäterschaft und Nutznießerschaft zu durchdenken. Damit werden zum einen
nationale Opfernarrative in Frage gestellt, die jegliche Mitverantwortung für die
Verbrechen des Holocausts abwehren helfen und die lange Vorgeschichte anti-
semitischer Ausschreitun
gen in beiden Ländern ausblenden; zum anderen wird
aber auch aufgezeigt, dass die starre Opposition von ‚Opfern‘ und ‚Täter*innen‘
wenig hilfreich ist, um Prozesse zu verstehen, die sich oft in den Grauzonen zwi-
schen diesen beiden Zuschreibungen abspiel(t)en.
Im Hinblick auf die jüdischen Opfer des Holocaust eröffnet das Thema Nach-
barschaft „affiliative“ Zugänge, um Marianne Hirsch zu zitieren (1997, 2008,
2012), die eine Erweiterung der vornehmlich familiären und ethnisch kodierten
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher