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Liaisons Dangereusesâ â
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Erinnerungsgemeinschaften im Text erlauben. Das Prinzip der Nachbarschaft,
das auf rÀumlicher NÀhe und Synchronie beruht, komplementiert das die ErzÀh-
lung dominierende, auf Abstammung und Diachronie fuĂende, genealogische
Prinzip auf produktive Weise. Dies ist auch wichtig im Kontext der fĂŒr den Text
zentralen (post-)sowjetischen GedĂ€chtnispolitiken, die die jĂŒdischen Opfer des
Holocaust lange Zeit nicht anerkannt haben und, laut der ErzÀhlerin, nach wie
vor stiefmĂŒtterlich, als âdie Toten der ewigen anderenâ (VE, 190) behandeln.
Statt also eine Àhnlich exklusive, auf biologischer oder ethnischer Gemeinsam-
keit beruhende Erinnerungspolitik zu betreiben, vertritt Vielleicht Esther einen
nicht-essentialisierenden, nachbarschaftlichen Ansatz, der nicht zwischen âden
Meinigenâ und den âanderenâ unterscheidet und mithin diskriminiert. Das Nach-
barschaftliche steht damit im Zentrum einer Politik, die, âals Gegenbewegung
zu einer parzellierten Erinnerungskulturâ (BĂŒhler-Dietrich 2019, 245) von der
Autorin Petrowskaja unter dem Schlagwort der âgemeinsame[n] Erinnerungâ
gefasst wird. âGemeinsamâ schlieĂt dabei âimplicatedâ oder âmultidirectionalâ
AnsÀtze im Sinne Michael Rothbergs (2009, 2013, 2014a, 2014b) ein, die auf der
gegenseitigen Bedingtheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie der
Verflochtenheit zwischen den europĂ€ischen und auĂereuropĂ€ischen Gewalter-
fahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts beharren, ebenso wie ein Erinnern, das,
im Sinne der âaffiliationâ (Hirsch 1997, 2008, 2012), bewusst mit der notwendigen
ExklusivitÀt ethnischer, familiÀrer oder nationaler GedÀchtnisrahmen bricht.
Es wird also deutlich, dass, in Entsprechung zum assoziativen Schreib
prinzip
des Textes, das Thema Nachbarschaft untrennbar mit den zentralen Themen
des Textes verknĂŒpft ist: Neben Fragen von Opfertum, TĂ€terschaft und Erinne-
rung betrifft dies auch die Ebene der Poetik. Durch eine Meta
phorik und Poetik
der Vernetzung und einen assoziativen Sprachgebrauch setzt Vielleicht Esther
Michael Rothbergs Gedanken zu implication kĂŒnstlerisch um und verdeutlicht
damit, dass die âgemeinsame Erinnerungâ auch vor allem eine literarische Erin-
nerung ist, die dort ansetzt, wo offizielle GedÀchtnisdiskurse in binÀren Mustern
und damit im Modus der ExklusivitĂ€t und der âSelektionâ (VE, 191) erstarren. Dies
legt den Schluss nahe, dass das Medium der Literatur und der Kunst im Allgemei-
nen womöglich besonders geeignet ist, um nicht nur alternative, sondern auch
zukunftstrÀchtigere Erinnerungsformen und -gemeinschaften zu entwerfen.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher