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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    277 Erinnerungsgemeinschaften im Text erlauben. Das Prinzip der Nachbarschaft, das auf rĂ€umlicher NĂ€he und Synchronie beruht, komplementiert das die ErzĂ€h- lung dominierende, auf Abstammung und Diachronie fußende, genealogische Prinzip auf produktive Weise. Dies ist auch wichtig im Kontext der fĂŒr den Text zentralen (post-)sowjetischen GedĂ€chtnispolitiken, die die jĂŒdischen Opfer des Holocaust lange Zeit nicht anerkannt haben und, laut der ErzĂ€hlerin, nach wie vor stiefmĂŒtterlich, als „die Toten der ewigen anderen“ (VE, 190) behandeln. Statt also eine Ă€hnlich exklusive, auf biologischer oder ethnischer Gemeinsam- keit beruhende Erinnerungspolitik zu betreiben, vertritt Vielleicht Esther einen nicht-essentialisierenden, nachbarschaftlichen Ansatz, der nicht zwischen ‚den Meinigen‘ und den ‚anderen‘ unterscheidet und mithin diskriminiert. Das Nach- barschaftliche steht damit im Zentrum einer Politik, die, „als Gegenbewegung zu einer parzellierten Erinnerungskultur“ (BĂŒhler-Dietrich 2019, 245) von der Autorin Petrowskaja unter dem Schlagwort der „gemeinsame[n] Erinnerung“ gefasst wird. „Gemeinsam“ schließt dabei „implicated“ oder „multidirectional“ AnsĂ€tze im Sinne Michael Rothbergs (2009, 2013, 2014a, 2014b) ein, die auf der gegenseitigen Bedingtheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie der Verflochtenheit zwischen den europĂ€ischen und außereuropĂ€ischen Gewalter- fahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts beharren, ebenso wie ein Erinnern, das, im Sinne der „affiliation“ (Hirsch 1997, 2008, 2012), bewusst mit der notwendigen ExklusivitĂ€t ethnischer, familiĂ€rer oder nationaler GedĂ€chtnisrahmen bricht. Es wird also deutlich, dass, in Entsprechung zum assoziativen Schreib prinzip des Textes, das Thema Nachbarschaft untrennbar mit den zentralen Themen des Textes verknĂŒpft ist: Neben Fragen von Opfertum, TĂ€terschaft und Erinne- rung betrifft dies auch die Ebene der Poetik. Durch eine Meta phorik und Poetik der Vernetzung und einen assoziativen Sprachgebrauch setzt Vielleicht Esther Michael Rothbergs Gedanken zu implication kĂŒnstlerisch um und verdeutlicht damit, dass die „gemeinsame Erinnerung“ auch vor allem eine literarische Erin- nerung ist, die dort ansetzt, wo offizielle GedĂ€chtnisdiskurse in binĂ€ren Mustern und damit im Modus der ExklusivitĂ€t und der „Selektion“ (VE, 191) erstarren. Dies legt den Schluss nahe, dass das Medium der Literatur und der Kunst im Allgemei- nen womöglich besonders geeignet ist, um nicht nur alternative, sondern auch zukunftstrĂ€chtigere Erinnerungsformen und -gemeinschaften zu entwerfen.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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