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Eva Kowollik
Konstellation aus Sprecher*innen und Zuhörer*innen hindeutet. Lassen sich in
den jugoslawischen Nachfolgestaaten, insbesondere im Hinblick auf die jugosla-
wischen Zerfallskriege, dialogische Muster des Erinnerns identifizieren?
1 Kontextualisierungen
Eine Erinnerungskultur im Assmannâschen Sinne hat in den postjugo slawischen
Gesellschaften (noch) keine breite gesellschaftliche Basis.3 Dass die nationalen
Erinnerungsdiskurse weithin dem Modell des eigenen Leidens verhaftet sind,
hÀngt mit der problematischen Erinnerungsdoktrin im jugoslawischen Staats-
sozialismus zusammen, die zudem auf den Partisanenmythos und die Losung
Bratstvo i jedinstvo (BrĂŒderlichkeit und Einheit) setzte:
The official interpretation of the war contained two principle aspects: first, it relied on a
simple dichotomy, presenting the Partisans as ârevolutionariesâ and âliberatorsâ and all
other forces as âcounterrevolutionariesâ and âfascistsâ; secondly, it effectively âde-ethnicisedâ
the war, by blaming the âbourgeoisiesâ of all Yugoslav nations for the crimes that had taken
place and by dealing with wartime inter-ethnic conflicts only in terms of superficial reci-
procity [âŠ]. (DragoviÄ-Soso 2002, 100)
Als Folge dieses Simplifizierungsgebotes schwelten somit im zweiten Jugosla-
wien auf allen Seiten nicht verarbeitete historische Traumata im Ă€uĂerst flexiblen
FamiliengedĂ€chtnis weiter â eine von Ressentiments begleitete transgeneratio-
nale Weitergabe blieb der einzige Weg des Erinnerns.4 In der Literatur kulminierte
dies in Ă€uĂerst populĂ€ren Bestsellern, die seit den 1980er Jahren auf dem Buch-
markt erschienen und einer âLiteratur der populistischen Welleâ angehörten.5
Charakterisiert waren diese Texte von einer selektiven Wahrnehmung ausschlieĂ-
lich des eigenen Leidens und einer Identifikation mit der eigenen Opferposition
in der Vergangenheit, ein PhÀnomen, das Alida Bremer 1992 in ihrer Diagnose der
damals âneueren serbischen Literaturâ treffend als âeine Art kollektiven inneren
Monologâ (1992, 460) bezeichnete.
3â
In ihrer Einleitung weist Assmann mit den Fragen âWarum gab es nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs keine âErinnerungskulturâ? Warum galt lange Zeit das Schweigen als die bessere Opti-
on?â (2016, 10) darauf hin, dass fĂŒr die Entwicklung einer Erinnerungskultur im Zusammenhang
mit kollektiven Traumata eine gewisse zeitliche Distanz notwendig ist.
4â
Zur FlexibilitÀt des sozialen GedÀchtnisses vgl. Assmann 2014, 203.
5â
Der Begriff stammt von Mirko DjordjeviÄ (1998).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher