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Das Leiden der Anderen?â â
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Nun stellt sich im Gegenzug die Frage, welchen Stellenwert das âLeiden der
Anderenâ6 in einem alternativen literarischen Diskurs einnimmt, der sich nati-
onalkultureller Vereinnahmung widersetzt und sich dezidiert als âpostjugosla-
wischâ verstanden wissen will.
Unter postjugoslawischer Literatur7 verstehe ich einerseits âliterature, which
is ultimately informed by, but also critical of Yugoslav ideologyâ (MatijeviÄ
2016, 107), andererseits ist es âliterature, which is post-Yugoslav in its critique
of post-Yugoslav nationalismsâ (MatijeviÄ 2016, 107). Die Bezeichnung lieĂe sich
also dahingehend interpretieren, dass das PrĂ€fix âpostâ sowohl die Notwendig-
keit impliziert, zurĂŒckzuschauen, als auch, die Vergan
genheit zu ĂŒberwinden
(MatijeviÄ 2016, 107â108). Diese Argumentation weiterverfolgend meint post-
jugoslawische Literatur also âthe space of articulation of dissident and alter-
native cultural and political voicesâ, sie verfĂŒge ĂŒber âcapacity of resistanceâ
(MatijeviÄ 2016, 102) oder sei als emanzipatorischer Diskurs (MatijeviÄ 2016, 102)8
beschreibbar. Es wĂ€re also zu prĂŒfen, inwieweit sich der Begriff des dialogischen
GedĂ€chtnisses fĂŒr die Beschreibung thematischer und struktureller Charakte-
ristika postjugo slawischer literarischer Texte eignet, sowie in literatursoziologi-
scher Hinsicht fĂŒr Prozesse und Wirkungen von Texten und ihren Akteur*innen
im Feld der postjugoslawischen Literaturen.
Eine empathische Orientierung am âLeiden der Anderenâ, mithin âOpfer-
orientierungâ,9 beschrĂ€nkt sich in den postjugoslawischen Gesellschaften auf die
einer widerstÀndigen Subkultur angehörende, sich nationalkulturellen Diskur-
sen widersetzende, alternative postjugoslawische Kulturszene.10
6â Mit diesem Syntagma stĂŒtze ich mich auf den Text des Literaturwissenschaftlers Davor
BeganoviÄ: âPoĆĄtovanje drugoga, patnja drugogaâ (2015) [Die Achtung des Anderen, das Leiden
des Anderen], wobei âdas Leiden des Anderenâ das âethische Potenzialâ (378) postjugoslawi-
scher Literatur umschreiben soll.
7â Meine Darstellung des postjugoslawischen literarischen Diskurses folgt der Argumentation
von Tijana MatijeviÄ (2016). Ihr Text reagiert auf die kritische Frage nach dem âpostâ im Begriff
âpostjugoslawischâ, die Boris Postnikov aufwirft (Boris Postnikov. Postjugoslavenska knjiĆŸevnost?
Zagreb: Sandorf 2012, zitiert nach MatijeviÄ 2016, 103â105).
8â MatijeviÄ stĂŒtzt sich mit dieser letzten EinschĂ€tzung auf Svetlana SlapĆĄaks Text âTwin Cultures
and Rubikâs Cube Politics: The dynamics of Cultural Production in Pro-YU, Post-YU, and Other
YU Inventionsâ. SĂŒdosteuropa: Zeitschrift fĂŒr Politik und Gesellschaft 3 (2011): 301â314, 311. Zitiert
nach MatijeviÄ 2016, 102.
9â Assmann verweist auf die sinnvolle Differenzierung in âopferidentifiziertâ und âopferorien-
tiertâ, die Werner Konitzer (2012) vorschlĂ€gt.
10â Zu dieser zĂ€hlen selbstverstĂ€ndlich auch prominente, oft im westlichen Ausland prĂ€sente
und von dort aus protegierte Vertreter*innen, wie Dubravka UgreĆĄiÄ, David Albahari oder Mil-
jenko JergoviÄ.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher