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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Das Leiden der Anderen?    283 Nun stellt sich im Gegenzug die Frage, welchen Stellenwert das „Leiden der Anderen“6 in einem alternativen literarischen Diskurs einnimmt, der sich nati- onalkultureller Vereinnahmung widersetzt und sich dezidiert als ‚postjugosla- wisch‘ verstanden wissen will. Unter postjugoslawischer Literatur7 verstehe ich einerseits „literature, which is ultimately informed by, but also critical of Yugoslav ideology“ (Matijević 2016, 107), andererseits ist es „literature, which is post-Yugoslav in its critique of post-Yugoslav nationalisms“ (Matijević 2016, 107). Die Bezeichnung ließe sich also dahingehend interpretieren, dass das Präfix ‚post‘ sowohl die Notwendig- keit impliziert, zurückzuschauen, als auch, die Vergan genheit zu überwinden (Matijević 2016, 107–108). Diese Argumentation weiterverfolgend meint post- jugoslawische Literatur also „the space of articulation of dissident and alter- native cultural and political voices“, sie verfüge über „capacity of resistance“ (Matijević 2016, 102) oder sei als emanzipatorischer Diskurs (Matijević 2016, 102)8 beschreibbar. Es wäre also zu prüfen, inwieweit sich der Begriff des dialogischen Gedächtnisses für die Beschreibung thematischer und struktureller Charakte- ristika postjugo slawischer literarischer Texte eignet, sowie in literatursoziologi- scher Hinsicht für Prozesse und Wirkungen von Texten und ihren Akteur*innen im Feld der postjugoslawischen Literaturen. Eine empathische Orientierung am „Leiden der Anderen“, mithin „Opfer- orientierung“,9 beschränkt sich in den postjugoslawischen Gesellschaften auf die einer widerständigen Subkultur angehörende, sich nationalkulturellen Diskur- sen widersetzende, alternative postjugoslawische Kulturszene.10 6  Mit diesem Syntagma stütze ich mich auf den Text des Literaturwissenschaftlers Davor Beganović: „Poštovanje drugoga, patnja drugoga“ (2015) [Die Achtung des Anderen, das Leiden des Anderen], wobei „das Leiden des Anderen“ das „ethische Potenzial“ (378) postjugoslawi- scher Literatur umschreiben soll. 7  Meine Darstellung des postjugoslawischen literarischen Diskurses folgt der Argumentation von Tijana Matijević (2016). Ihr Text reagiert auf die kritische Frage nach dem ‚post‘ im Begriff ‚postjugoslawisch‘, die Boris Postnikov aufwirft (Boris Postnikov. Postjugoslavenska književnost? Zagreb: Sandorf 2012, zitiert nach Matijević 2016, 103–105). 8  Matijević stützt sich mit dieser letzten Einschätzung auf Svetlana Slapšaks Text „Twin Cultures and Rubik’s Cube Politics: The dynamics of Cultural Production in Pro-YU, Post-YU, and Other YU Inventions“. Südosteuropa: Zeitschrift für Politik und Gesellschaft 3 (2011): 301–314, 311. Zitiert nach Matijević 2016, 102. 9  Assmann verweist auf die sinnvolle Differenzierung in „opferidentifiziert“ und „opferorien- tiert“, die Werner Konitzer (2012) vorschlägt. 10  Zu dieser zählen selbstverständlich auch prominente, oft im westlichen Ausland präsente und von dort aus protegierte Vertreter*innen, wie Dubravka Ugrešić, David Albahari oder Mil- jenko Jergović.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
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