Page - 308 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Image of the Page - 308 -
Text of the Page - 308 -
308â â
Ioannis Pangalos
Spanische und griechische BĂŒrgerkriegsromane, die sich diesen VerĂ€nde-
rungen stellen, werden im Folgenden auf ihr Potenzial, die herkömmlichen
Opferbilder zu hinterfragen, untersucht. Dabei hat es sich als sinnvoll erwiesen,
diese Texte in zwei Klassen zu unterteilen. Es gibt Werke, in denen das Unter-
laufen der ĂŒblichen Opfernarrative das zentrale Anliegen, sozusagen ihr Kern,
zu sein scheint. In diesen Texten dominiert der gedÀchtnisreflexive Modus: Die
ErzÀhler*innen gehen, mehr oder weniger, von einem Bewusstsein aus, dass die
Erinnerung an den BĂŒrgerkrieg mit einer weitgehend auf Viktimisierung basie-
renden gesellschaftlichen Polarisierung einhergeht und entwerfen literarische
Strategien, um diese als unzeitgemÀà empfundene Dichotomie zu ĂŒberwinden.
Mittels Empathie fĂŒr den Gegner, einer Art âErinnerungsalteritĂ€tâ (Pangalos
2017, 382), versuchen sie ein integratives GedÀchtnis und ein darauf verweisen-
des aussagekrÀftiges Symbol zu kreieren. Die andere Romankategorie stellt den
â vornehmlich vorherrschenden linken â Opferstatus auf eine indirektere Weise
in Frage: Ihr Hauptziel ist die GedÀchtnisbildung und die IdentitÀtsfindung im
Rahmen der Familie. Da aber selbststÀndiges Handeln in der heutigen Welt kri-
tisches Denken erfordert und nicht auf Selbstmitleid gegrĂŒndet sein kann, gilt
dem reflektierenden Subjekt des Millenniums die blinde Anbindung an traditi-
onelle Erinnerungsgemeinschaften als ĂŒberkommen. Die junge Generation tritt
das VermĂ€chtnis der Ă€lteren BĂŒrgerkriegsgeneration an, jedoch unter verĂ€nder-
ten PrÀmissen.
Die oben vorgenommene Unterscheidung erfolgt aus taxonomischen GrĂŒn-
den und deshalb wirkt sie notwendigerweise etwas schematisch. Wenn man die
einzelnen Romane unter die Lupe nimmt wird man feststellen, dass die fĂŒr die
jeweilige Gruppe konstatierten Eigenschaften auch in der anderen aufzufinden
sind: Der ersten Kategorie ist sehr wohl auch ein gedÀchtnisbildendes Moment
eigen und die Generationenproblematik sowie die IdentitÀtssuche ist in ihr auch
vertreten; wÀhrend die Texte der zweiten Kategorie gedÀchtnisreflexiver Pas-
sagen nicht entbehren. Ferner ist beiden das âmetamnemonialeâ Bewusstsein
gemeinsam. Es geht jedoch um den dominanten Grundgestus der Romane, der â
wenigstens in seinen Konturen â deutlich erkennbar ist und somit meines Erach-
tens die vorgeschlagene Kategorisierung plausibel erscheinen lÀsst.
3.1 ErinnerungsalteritĂ€t â integratives GedĂ€chtnis
â Symbolbildung
Aleida Assmann hat die optimale Form mit der traumatischen Vergangenheit
umzugehen als âdialogisches Erinnernâ bezeichnet und als âwechselseitige Aner-
kennung von Opfer- und TĂ€terkonstellationen in Bezug auf eine gemeinsame
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher