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Ioannis Pangalos
Spanische und griechische Bürgerkriegsromane, die sich diesen Verände-
rungen stellen, werden im Folgenden auf ihr Potenzial, die herkömmlichen
Opferbilder zu hinterfragen, untersucht. Dabei hat es sich als sinnvoll erwiesen,
diese Texte in zwei Klassen zu unterteilen. Es gibt Werke, in denen das Unter-
laufen der üblichen Opfernarrative das zentrale Anliegen, sozusagen ihr Kern,
zu sein scheint. In diesen Texten dominiert der gedächtnisreflexive Modus: Die
Erzähler*innen gehen, mehr oder weniger, von einem Bewusstsein aus, dass die
Erinnerung an den Bürgerkrieg mit einer weitgehend auf Viktimisierung basie-
renden gesellschaftlichen Polarisierung einhergeht und entwerfen literarische
Strategien, um diese als unzeitgemäß empfundene Dichotomie zu überwinden.
Mittels Empathie für den Gegner, einer Art „Erinnerungsalterität“ (Pangalos
2017, 382), versuchen sie ein integratives Gedächtnis und ein darauf verweisen-
des aussagekräftiges Symbol zu kreieren. Die andere Romankategorie stellt den
– vornehmlich vorherrschenden linken – Opferstatus auf eine indirektere Weise
in Frage: Ihr Hauptziel ist die Gedächtnisbildung und die Identitätsfindung im
Rahmen der Familie. Da aber selbstständiges Handeln in der heutigen Welt kri-
tisches Denken erfordert und nicht auf Selbstmitleid gegründet sein kann, gilt
dem reflektierenden Subjekt des Millenniums die blinde Anbindung an traditi-
onelle Erinnerungsgemeinschaften als überkommen. Die junge Generation tritt
das Vermächtnis der älteren Bürgerkriegsgeneration an, jedoch unter veränder-
ten Prämissen.
Die oben vorgenommene Unterscheidung erfolgt aus taxonomischen Grün-
den und deshalb wirkt sie notwendigerweise etwas schematisch. Wenn man die
einzelnen Romane unter die Lupe nimmt wird man feststellen, dass die für die
jeweilige Gruppe konstatierten Eigenschaften auch in der anderen aufzufinden
sind: Der ersten Kategorie ist sehr wohl auch ein gedächtnisbildendes Moment
eigen und die Generationenproblematik sowie die Identitätssuche ist in ihr auch
vertreten; während die Texte der zweiten Kategorie gedächtnisreflexiver Pas-
sagen nicht entbehren. Ferner ist beiden das ‚metamnemoniale‘ Bewusstsein
gemeinsam. Es geht jedoch um den dominanten Grundgestus der Romane, der –
wenigstens in seinen Konturen – deutlich erkennbar ist und somit meines Erach-
tens die vorgeschlagene Kategorisierung plausibel erscheinen lässt.
3.1 Erinnerungsalterität – integratives Gedächtnis
– Symbolbildung
Aleida Assmann hat die optimale Form mit der traumatischen Vergangenheit
umzugehen als „dialogisches Erinnern“ bezeichnet und als „wechselseitige Aner-
kennung von Opfer- und Täterkonstellationen in Bezug auf eine gemeinsame
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher