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Die Ăberwindung traditioneller Opfernarrativeâ â
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franquistische GefÀngniswÀrter Herbal gedenkt seines einstigen Opfers, des glÀn-
zenden republikanischen Arztes da Barca, der inzwischen verstorben ist, aber
in seinen letzten Jahren BerĂŒhmtheit und Anerkennung des Kampfes fĂŒr seine
Ideale genossen hat. Seine ErzĂ€hlung ist von Faszination fĂŒr die Persönlichkeit
des Arztes geprÀgt, allerdings auch gemischt mit Neid, da der charismatische da
Barca als sein Rivale um dieselbe Frau den Sieg davongetragen hatte. Ferner wird
die auf den ersten Blick feste TĂ€ter-Opfer-Konstellation destabilisiert: Diese Rollen
mögen, was die Vergangenheit angeht, ihre Geltung bewahren, vom Standpunkt
der Gegenwart jedoch ist Herbal der Verlierer und der Arzt der Gewinner.8 Das
integrative GedÀchtnis verdichtet der Text im leitmotivischen Dingsymbol, das
der Titel anzeigt: Es ist ebendieser Bleistift, den ein von Herbal aus Gnade getöte-
ter widerstĂ€ndischer Maler seinem Henker (und Erlöser) vermacht â ein Objekt,
das stÀndig die Stimme seines Opfers im Kopf des TÀters hervorruft. Diese Stimme
trĂ€gt auch dazu bei, seine innerliche âBekehrungâ zu vervollstĂ€ndigen und bei
jeder Gelegenheit den Gefangenen zu helfen. Es handelt sich um ein Sinnbild, das
fĂŒr Reue, aber auch â wenn man auf das republikanische Engagement seiner vor-
herigen Besitzer zurĂŒckschaut â fĂŒr Widerstand gegen Repression und Barbarei
steht. Und schlieĂlich gelangt es in die HĂ€nde eines âAnderenâ, des angeblichen
Feindes. Der Text bleibt aber nicht bei dieser Umkehrung stehen: Der Bleistift
setzt seine âReiseâ fort, er wird wie ein Stab in einem Staffellauf von Generation zu
Generation weitergegeben. Zu guter Letzt wird er von dem in der Vergangenheit
gefangenen, unter der Last seiner Erinnerungen erstarrten Melancholiker Herbal
(GĂłmez LĂłpez-Quiñones 2006, 68â69) seiner aufmerksamen Zuhörerin Maria
ĂŒbergeben, einer illegal immigrierten Prostituierten aus Afrika â eine Geste, die
auch als ein Befreiungsversuch des ehemaligen Henkers von seiner erdrĂŒcken-
den Erinnerung gedeutet werden könnte. Das Erbe des BĂŒrgerkriegs â der Kampf
fĂŒr MenschenwĂŒrde â wird jenseits der ehemaligen Rechts-Links-PolaritĂ€t sowie
der ĂŒblichen Generatio nenlinie, in der das Opfer-TĂ€ter-Schema perpetuiert wird,
verhandelt und gehört schlieĂlich den heutigen UnterdrĂŒckten unserer globali-
sierten Welt.
8â Diesen Aspekt unterstreicht auch GĂłmez LĂłpez-Quiñones (2006, 65â75), indem er seine Analy-
se des Buchs von Rivas mit dem Titel âCambios de la hegemonĂa de la memoriaâ [VerĂ€nderungen
der Erinnerungshegemonie] ĂŒberschreibt. An anderer Stelle fĂŒhrt er aus: âes relevante que la
información ofrecida sobre un presente en el que los sectores antaño acallados han ganado te-
rreno en perjuicio de los que, durante cuarenta años, ejercieron el poder de la memoria de una
manera implacableâ (2006, 66) [Es ist von Belang, dass eine Information ĂŒber eine Gegenwart
geboten wird, in der die vormals mundtot gemachten gesellschaftlichen Bereiche an Boden ge-
wonnen haben, zu Lasten derer, die wÀhrend vierzig Jahren die Macht der Erinnerung auf eine
unerbittliche Weise bestimmten].
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher