Seite - 311 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Bild der Seite - 311 -
Text der Seite - 311 -
Die Überwindung traditioneller Opfernarrative
311
franquistische Gefängniswärter Herbal gedenkt seines einstigen Opfers, des glän-
zenden republikanischen Arztes da Barca, der inzwischen verstorben ist, aber
in seinen letzten Jahren Berühmtheit und Anerkennung des Kampfes für seine
Ideale genossen hat. Seine Erzählung ist von Faszination für die Persönlichkeit
des Arztes geprägt, allerdings auch gemischt mit Neid, da der charismatische da
Barca als sein Rivale um dieselbe Frau den Sieg davongetragen hatte. Ferner wird
die auf den ersten Blick feste Täter-Opfer-Konstellation destabilisiert: Diese Rollen
mögen, was die Vergangenheit angeht, ihre Geltung bewahren, vom Standpunkt
der Gegenwart jedoch ist Herbal der Verlierer und der Arzt der Gewinner.8 Das
integrative Gedächtnis verdichtet der Text im leitmotivischen Dingsymbol, das
der Titel anzeigt: Es ist ebendieser Bleistift, den ein von Herbal aus Gnade getöte-
ter widerständischer Maler seinem Henker (und Erlöser) vermacht – ein Objekt,
das ständig die Stimme seines Opfers im Kopf des Täters hervorruft. Diese Stimme
trägt auch dazu bei, seine innerliche ‚Bekehrung‘ zu vervollständigen und bei
jeder Gelegenheit den Gefangenen zu helfen. Es handelt sich um ein Sinnbild, das
für Reue, aber auch – wenn man auf das republikanische Engagement seiner vor-
herigen Besitzer zurückschaut – für Widerstand gegen Repression und Barbarei
steht. Und schließlich gelangt es in die Hände eines ‚Anderen‘, des angeblichen
Feindes. Der Text bleibt aber nicht bei dieser Umkehrung stehen: Der Bleistift
setzt seine ‚Reise‘ fort, er wird wie ein Stab in einem Staffellauf von Generation zu
Generation weitergegeben. Zu guter Letzt wird er von dem in der Vergangenheit
gefangenen, unter der Last seiner Erinnerungen erstarrten Melancholiker Herbal
(Gómez López-Quiñones 2006, 68–69) seiner aufmerksamen Zuhörerin Maria
übergeben, einer illegal immigrierten Prostituierten aus Afrika – eine Geste, die
auch als ein Befreiungsversuch des ehemaligen Henkers von seiner erdrücken-
den Erinnerung gedeutet werden könnte. Das Erbe des Bürgerkriegs – der Kampf
für Menschenwürde – wird jenseits der ehemaligen Rechts-Links-Polarität sowie
der üblichen Generatio nenlinie, in der das Opfer-Täter-Schema perpetuiert wird,
verhandelt und gehört schließlich den heutigen Unterdrückten unserer globali-
sierten Welt.
8 Diesen Aspekt unterstreicht auch Gómez López-Quiñones (2006, 65–75), indem er seine Analy-
se des Buchs von Rivas mit dem Titel „Cambios de la hegemonía de la memoria“ [Veränderungen
der Erinnerungshegemonie] überschreibt. An anderer Stelle führt er aus: „es relevante que la
información ofrecida sobre un presente en el que los sectores antaño acallados han ganado te-
rreno en perjuicio de los que, durante cuarenta años, ejercieron el poder de la memoria de una
manera implacable“ (2006, 66) [Es ist von Belang, dass eine Information über eine Gegenwart
geboten wird, in der die vormals mundtot gemachten gesellschaftlichen Bereiche an Boden ge-
wonnen haben, zu Lasten derer, die während vierzig Jahren die Macht der Erinnerung auf eine
unerbittliche Weise bestimmten].
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher