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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative
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Konspirationswahn alle ‚Anderen‘ – auch Genoss*innen des eigenen Lagers –
gefoltert und ermordet zu haben. Es handelt sich um einen Gewaltzyklus, der
sogar bis in die Antike zurückverfolgt werden kann, wie der konstante intertex-
tuelle Bezug auf Die Bakchen von Euripides bezeugt. Der Großvater, ein modera-
ter Linker, dessen Leiden während des Bürgerkriegs von ihm selbst im zweiten,
realistischeren Teil des Romans in ich-erzählender Stimme rekonstruiert werden,
wird sowohl von den Nationalist*innen als auch von seinen stalinistischen Mit-
genossen verfolgt und gefoltert. Er ist beruflich als Souffleur am Nationaltheater
tätig und nebenbei Kenner (und Übersetzer) der oben genannten Tragödie. In
diesem Kontext verortet er seine Interpretation der innergriechischen Ausschrei-
tungen: Der Bürgerkrieg „απελευθέρωσε όμως μια βία θαμμένη από παλιά. Μας
έκανε όλους καθάρματα“ [hat eine lange begrabene Gewalt entbunden. Er hat
aus uns allen Unmenschen gemacht] (F, 246). In seinem Narrativ sind trotz seines
(eigentlich doppelten) Opferstatus die Täter- und Opferrollen austauschbar –
wenn nicht identisch oder letztendlich irrelevant: „Ο Διόνυσος, πριν γίνει θύτης,
υπήρξε θύμα. Διονυσιακός ίλιγγος που λένε. Εκεί στροβιλιζόμαστε όλοι“ [Bevor
Dionysos zum Täter wurde, war er Opfer. Dionysischer Taumel, wie es heißt. In
diesem Strudel drehen wir uns alle] (F, 245).
In diesem Text verläuft die Grenzlinie von Opfer und Täter*innen nicht zwi-
schen den Verlierer*innen und den Sieger*innen des Bürgerkriegs, d.h. zwischen
Rechts und Links, sondern Unterdrückte und Unterdrücker*innen kämpfen auf
derselben Seite. Die üblichen Feind*innen sind zwar noch existent, stehen aber
außerhalb des erzählerischen Fokus. Das einzige Urteil, das der Enkel über die
Angehörigen des gegnerischen Lagers fällt, lautet folgendermaßen: „Και καλά,
τους δεξιούς χεσμένους τους έχω. Γαϊδούρια ήταν, γαϊδούρια παραμένουν“ [Auf
die Rechten scheiße ich. Schweine waren sie schon immer und werden es auch
bleiben] (F, 80). Und dann wendet er sich wieder dem „εμείς“ [wir] (F, 80), der
eigenen Verantwortung, also derjenigen der Linken zu. Hier liegt auch der Unter-
schied zu älteren Texten, z.B. zu den im ersten Abschnitt erwähnten Steuerlosen
Städte[n], auf die im Roman intertextuell Bezug genommen wird (F, 101). In der
kanonischen Trilogie von Tsirkas werden zwar die Missstände in den eigenen
Reihen angeprangert, es ist jedoch klar, wer der*die eigentliche Gegner*in ist –
die ‚reinen‘ Kämpfer*innen, die in dieser Auseinandersetzung fallen, werden als
Märtyrer*innen aufgefasst. In Porphyra Gelia dagegen, wird dieses binäre Schema
durchbrochen, es ist die Rede von „πολλούς εμφύλιους μες στον Εμφύλιο“ [vielen
Bürgerkriegen innerhalb des Bürgerkriegs] (F, 81): Unter dem Vorwand des poli-
tischen Konflikts werden parteiinterne Feind*innen beseitigt, ethnische Minder-
heiten verfolgt (F, 73, 82), sexuell Divergierende, wie z.B. Homosexuelle, elimi-
niert (F, 37, 60, 61), private Rechnungen beglichen (F, 82).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher