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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative    313 Konspirationswahn alle ‚Anderen‘ – auch Genoss*innen des eigenen Lagers – gefoltert und ermordet zu haben. Es handelt sich um einen Gewaltzyklus, der sogar bis in die Antike zurückverfolgt werden kann, wie der konstante intertex- tuelle Bezug auf Die Bakchen von Euripides bezeugt. Der Großvater, ein modera- ter Linker, dessen Leiden während des Bürgerkriegs von ihm selbst im zweiten, realistischeren Teil des Romans in ich-erzählender Stimme rekonstruiert werden, wird sowohl von den Nationalist*innen als auch von seinen stalinistischen Mit- genossen verfolgt und gefoltert. Er ist beruflich als Souffleur am Nationaltheater tätig und nebenbei Kenner (und Übersetzer) der oben genannten Tragödie. In diesem Kontext verortet er seine Interpretation der innergriechischen Ausschrei- tungen: Der Bürgerkrieg „απελευθέρωσε όμως μια βία θαμμένη από παλιά. Μας έκανε όλους καθάρματα“ [hat eine lange begrabene Gewalt entbunden. Er hat aus uns allen Unmenschen gemacht] (F, 246). In seinem Narrativ sind trotz seines (eigentlich doppelten) Opferstatus die Täter- und Opferrollen austauschbar – wenn nicht identisch oder letztendlich irrelevant: „Ο Διόνυσος, πριν γίνει θύτης, υπήρξε θύμα. Διονυσιακός ίλιγγος που λένε. Εκεί στροβιλιζόμαστε όλοι“ [Bevor Dionysos zum Täter wurde, war er Opfer. Dionysischer Taumel, wie es heißt. In diesem Strudel drehen wir uns alle] (F, 245). In diesem Text verläuft die Grenzlinie von Opfer und Täter*innen nicht zwi- schen den Verlierer*innen und den Sieger*innen des Bürgerkriegs, d.h. zwischen Rechts und Links, sondern Unterdrückte und Unterdrücker*innen kämpfen auf derselben Seite. Die üblichen Feind*innen sind zwar noch existent, stehen aber außerhalb des erzählerischen Fokus. Das einzige Urteil, das der Enkel über die Angehörigen des gegnerischen Lagers fällt, lautet folgendermaßen: „Και καλά, τους δεξιούς χεσμένους τους έχω. Γαϊδούρια ήταν, γαϊδούρια παραμένουν“ [Auf die Rechten scheiße ich. Schweine waren sie schon immer und werden es auch bleiben] (F, 80). Und dann wendet er sich wieder dem „εμείς“ [wir] (F, 80), der eigenen Verantwortung, also derjenigen der Linken zu. Hier liegt auch der Unter- schied zu älteren Texten, z.B. zu den im ersten Abschnitt erwähnten Steuerlosen Städte[n], auf die im Roman intertextuell Bezug genommen wird (F, 101). In der kanonischen Trilogie von Tsirkas werden zwar die Missstände in den eigenen Reihen angeprangert, es ist jedoch klar, wer der*die eigentliche Gegner*in ist – die ‚reinen‘ Kämpfer*innen, die in dieser Auseinandersetzung fallen, werden als Märtyrer*innen aufgefasst. In Porphyra Gelia dagegen, wird dieses binäre Schema durchbrochen, es ist die Rede von „πολλούς εμφύλιους μες στον Εμφύλιο“ [vielen Bürgerkriegen innerhalb des Bürgerkriegs] (F, 81): Unter dem Vorwand des poli- tischen Konflikts werden parteiinterne Feind*innen beseitigt, ethnische Minder- heiten verfolgt (F, 73, 82), sexuell Divergierende, wie z.B. Homosexuelle, elimi- niert (F, 37, 60, 61), private Rechnungen beglichen (F, 82).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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