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Ioannis Pangalos
Im zweiten Teil des Romans sind die Stimmen des verstorbenen Großvaters
und des ebenfalls toten Mitglieds der kommunistischen Miliz (ΟΠΛΑ), das den
Auftrag der Ermordung des Großvaters (ohne Erfolg) ausführte, kontrapunktisch
zu ‚hören‘. Man könnte meinen, dass sich die im ersten Teil dominierende Dua-
lität jetzt ausschließlich in den linken Block verlegt hat. Die Erzählungen der
beiden miteinander unbekannten Kontrahenten sind aber ganz sachlich, ruhig
und ohne Ressentiments, jeder vertritt mit plausiblen Argumenten seine eigene
Position – in diesem Sinne wäre es nicht übertrieben, den Roman als ‚polyphon‘
zu bezeichnen, zumal auch die Großmutter, inmitten ihrer geistigen Umnach-
tung, eine Phase der Klarheit erlebt und eine stringente Begründung ihrer alt-
kommunistischen Thesen darlegt (F, 104–110). Darüber hinaus ist die Symmetrie
in den Geschichten des Großvaters und seines Henkers auffallend: Beide führten
nach dem Krieg ein ruiniertes Leben, sie mussten Exil, Folterungen und Strapa-
zen in der antikommunistischen griechischen Nachkriegsordnung erleiden, ihre
Gesundheit wurde angegriffen und beide starben schließlich an Nierenversagen.
Die tragische Ironie, die die jeweiligen Tode des vermeintlichen Opfer-Täter
Paares verbindet, verweist nochmals auf die Bakchen-Interpretation des Großva-
ters. Formuliert auf den letzten Seiten des Romans, kann sie als Fazit des gesam-
ten Textes aufgefasst werden: Im ‚dionysischen Taumel‘ des Bürgerkriegs ist jeder
Opfer und Täter*in zugleich.
Der Text von Fais enthält sehr wohl auch gedächtnisreflexive Momente, als
etwa von „ιστοριογραφικός εμφύλιος“ [historiografischem Bürgerkrieg] (F, 83)
die Rede ist. Ausgangspunkt ist jedoch eine desolate Familien
geschichte, die
auch den Grundton bestimmt. Der Autor gelangt jedenfalls auf einem Umweg
zur Dekonstruktion der üblichen Opfernarrative, indem er „die Traumata seiner
eigenen Zeit“ (Chatzivasileiou 2011) zu ergründen sucht. Dieses Element unter-
scheidet Porphyra Gelia von der Darstellung der Absurdität der kommunisti-
schen Bürokratie im zuvor erwähnten Roman Die Kiste (To Kivotio) – ebenfalls
ein intertextueller Referenzpunkt des Romans von Fais. Während die Ereignisse
dort unvermittelt erzählt werden, schlägt der neuere Text eine Brücke zwischen
Gegenwart und Vergangenheit. Die Diagnose fällt aber auch hier besonders pes-
simistisch aus: Das Schicksal Griechenlands folgt dem Schema einer sich perpe-
tuierenden antiken Tragödie, wobei natürlich nicht außer Acht gelassen werden
sollte, dass das Buch in den ersten Krisenjahren publiziert wurde.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher