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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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314    Ioannis Pangalos Im zweiten Teil des Romans sind die Stimmen des verstorbenen Großvaters und des ebenfalls toten Mitglieds der kommunistischen Miliz (ΟΠΛΑ), das den Auftrag der Ermordung des Großvaters (ohne Erfolg) ausführte, kontrapunktisch zu ‚hören‘. Man könnte meinen, dass sich die im ersten Teil dominierende Dua- lität jetzt ausschließlich in den linken Block verlegt hat. Die Erzählungen der beiden miteinander unbekannten Kontrahenten sind aber ganz sachlich, ruhig und ohne Ressentiments, jeder vertritt mit plausiblen Argumenten seine eigene Position – in diesem Sinne wäre es nicht übertrieben, den Roman als ‚polyphon‘ zu bezeichnen, zumal auch die Großmutter, inmitten ihrer geistigen Umnach- tung, eine Phase der Klarheit erlebt und eine stringente Begründung ihrer alt- kommunistischen Thesen darlegt (F, 104–110). Darüber hinaus ist die Symmetrie in den Geschichten des Großvaters und seines Henkers auffallend: Beide führten nach dem Krieg ein ruiniertes Leben, sie mussten Exil, Folterungen und Strapa- zen in der antikommunistischen griechischen Nachkriegsordnung erleiden, ihre Gesundheit wurde angegriffen und beide starben schließlich an Nierenversagen. Die tragische Ironie, die die jeweiligen Tode des vermeintlichen Opfer-Täter Paares verbindet, verweist nochmals auf die Bakchen-Interpretation des Großva- ters. Formuliert auf den letzten Seiten des Romans, kann sie als Fazit des gesam- ten Textes aufgefasst werden: Im ‚dionysischen Taumel‘ des Bürgerkriegs ist jeder Opfer und Täter*in zugleich. Der Text von Fais enthält sehr wohl auch gedächtnisreflexive Momente, als etwa von „ιστοριογραφικός εμφύλιος“ [historiografischem Bürgerkrieg] (F, 83) die Rede ist. Ausgangspunkt ist jedoch eine desolate Familien geschichte, die auch den Grundton bestimmt. Der Autor gelangt jedenfalls auf einem Umweg zur Dekonstruktion der üblichen Opfernarrative, indem er „die Traumata seiner eigenen Zeit“ (Chatzivasileiou 2011) zu ergründen sucht. Dieses Element unter- scheidet Porphyra Gelia von der Darstellung der Absurdität der kommunisti- schen Bürokratie im zuvor erwähnten Roman Die Kiste (To Kivotio) – ebenfalls ein intertextueller Referenzpunkt des Romans von Fais. Während die Ereignisse dort unvermittelt erzählt werden, schlägt der neuere Text eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Diagnose fällt aber auch hier besonders pes- simistisch aus: Das Schicksal Griechenlands folgt dem Schema einer sich perpe- tuierenden antiken Tragödie, wobei natürlich nicht außer Acht gelassen werden sollte, dass das Buch in den ersten Krisenjahren publiziert wurde.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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