Page - 158 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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„In der Jugendorganisation war alles sehr, sehr idealistisch. In Otterthal war
ich vier Wochen auf Hachschara. Wir haben dort Landwirtschaft gelernt,
von der wir davor keine Ahnung hatten. Als wir nach Israel gekommen
sind, haben wir alle die Realität des Landes erlebt, und die war eigentlich
sehr wenig idealistisch damals. Etwa im Kibbuz: Die Kibbuznikim haben
kaum ein Wort mit uns gesprochen. Wir waren eine vollkommen geschlos-
sene Gruppe innerhalb vom Kibbuz, die fremd war. Die Kibbuznikim haben
sich überhaupt nicht um uns gekümmert, oder so etwas wie Psychologie
betrieben, das war ein Wort, das man damals nicht gekannt hat. Denn im-
merhin waren wir 15- bis 16jährige Jugendliche, die total aus ihrem Leben
herausgerissen wurden […]. Wir waren vollkommen auf uns selbst gestellt
und fremd. Ich glaube, wenn man uns nach China geschickt hätte, wäre es
genau dasselbe gewesen.“445
Andere Erinnerungen belegen den positiven Beitrag, den die Kibbuz-Bewegung
in Zusammenarbeit mit der Jugend-Alijah bei der Integration der Jugendlichen in
Palästina leistete. Das dichte Programm von Unterricht, Arbeit und sozialem Grup-
penleben konnte die Trennung von der Familie und die Entwurzelung erleichtern,
ließ aber gleichzeitig wenig Raum zur persönlichen Entfaltung und individuellen
Lebensgestaltung.446 An die mangelnde Privatsphäre und den strengen Verhaltens-
kodex im Kibbuz konnten sich viele junge Neueinwanderinnen und Neueinwan-
derer ebenfalls schwer gewöhnen.
Zertifikatsverteilung: Streitigkeiten zwischen Ländern,
Jugendbünden, Wien und der Provinz
Selbst wenn die Kandidatinnen und Kandidaten sämtliche Bedingungen erfüllten,
galt es keineswegs als gesichert, dass sie die Alijah tatsächlich antreten konnten –
die Auswanderung der Jugendlichen war letztlich davon abhängig, über wie viele
Zertifikate zunächst die Wiener „Beratungsstelle“ und in der Folge die zionistischen
Bünde verfügten. Angesichts der besonders großen Notsituation wurde Österreich
bei der Verteilung zu Beginn von den Berliner und Jerusalemer Stellen bevorzugt
behandelt, im Zuge der veränderten Verhältnisse in Deutschland („Altreich“) und
der ehemaligen Tschechoslowakei („Protektorat“) musste der Verteilungsschlüssel
jedoch adaptiert werden. Die Anzahl der Einwanderungsgenehmigungen wurde
auf monatlich stattfindenden Treffen eines seit Sommer 1938 bestehenden Komi-
tees („Irgun“) beschlossen, das sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Berli-
ner Jugendhilfe und der Wiener und Prager Jugend-Alijah-Büros zusammensetzte
und der Zentrale in Jerusalem unterstand.447 Festgelegt wurde der Schlüssel unter
445 Zit. in: Hagen/Nittenberg, Flucht, S. 491 f.
446 Vgl. Ludwig Liegle, Familie und Kollektiv im Kibbutz. Eine Studie über die Funktion der Familie
in einem kollektiven Erziehungssystem, Weinheim-Basel 1973, S. 108.
447 CZA, S75/860, S. 68.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918