Page - 170 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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im März 1940 die Funktion der zentralen Koordinationsstelle für sämtliche aus
dem Reich abgehenden, vorwiegend illegalen Palästina-Transporte. Gleich wie die
übrigen jüdischen Institutionen sich nach dem „Anschluss“
– der Großteil war im
März 1938 ohnehin aufgelöst worden
– ausschließlich unter nationalsozialistischer
Kontrolle betätigen durften und für die Zwecke der Machthaber instrumentali-
siert wurden, agierte auch Storfer nach strikten Vorgaben der Nationalsozialisten.
Nicht nur der Aufgabenkreis war klar umrissen, Eichmann und die „Zentralstelle“
bestimmten die Verwendung des Budgets und beeinflussten auch die Auswahl der
Transportteilnehmerinnen und -teilnehmer. Dafür wurde ein eigenes Komitee ein-
gerichtet, das u. a. aus Vertretern der Kultusgemeinde, des Palästina-Amtes und
des „Ausschusses“ bestand und die Personen grundsätzlich nach den für Palästina
üblichen Anforderungen (Gesundheitszustand, Alter, Beruf etc.) auswählte, gewisse
Gruppen aber bevorzugt einreihte. Auf einer Besprechung vom 28. Jänner 1940
wurde festgelegt, dass für den nächsten Transport vorrangig Personen, die derzeit
in den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau oder anderen Orten inter-
niert waren, sowie polizeilich endgültig Ausgewiesene in Frage kommen würden.
Besonders berücksichtigt wurden auch Jüdinnen und Juden, die bereits Angehö-
rige in Palästina hatten und die seit vielen Monaten zur Auswanderung registriert
waren.486 Nach Vorgabe der Nationalsozialisten kam als Kriterium hinzu, dass
wohlhabende Bewerberinnen und Bewerber einen finanziellen Beitrag zu den mit
der Reise verbundenen Kosten leisten sollten, um dadurch unbemittelten Personen
ebenfalls die Emigration zu ermöglichen. Zahlreiche Jüdinnen und Juden wandten
sich direkt an das Büro in der Rotgasse und baten – zumeist mit Hinweis auf die
besondere persönliche Eignung für Palästina487
– um Einreihung in einen Transport.
Vor der endgültigen Aufnahme hatten die Kandidatinnen und Kandidaten eine
Erklärung zu unterzeichnen, dass sie auf eigene Gefahr und eigenes Risiko reisen
würden und dass ihnen die Strapazen und Schwierigkeiten der Reise bewusst waren.
Ferner musste zur Kenntnis genommen werden, dass die Reiseleitung für den posi-
tiven Ausgang und den Verlauf des Unternehmens nicht verantwortlich gemacht
werden konnte.488 Den Emigrantinnen und Emigranten wurden darüber hinaus
strikte „Verhaltensmaßregeln“489 auferlegt: Zu den allgemeinen Auswanderungs-
486 CAHJP, A/W 2515.
487 Ein Beispiel: „Endesgefertigte erlaubt sich mit dem höflichen Ersuchen an Sie heranzutreten, in den
nächsten abgehenden Transport eingereiht zu werden. […] Mein Ansuchen begründe ich damit,
dass ich gar keine andere Aussicht zu meiner dringenden Ausreise aus dem Deutschen Reich habe
und außerdem für Palästina gut vorbereitet bin. Ich besitze mehrmonatige Zeugnisse zweier Wiener
Spitäler für Säuglings- und Kinderpflege, Zeugnis einer Näh- und Kochschule und da ich viele Jahre
selbständig die Küche meines väterlichen Hotel- und Gastbetriebes leitete, ist es mir auch möglich,
in diesem Berufszweig in Palästina zu arbeiten. Ich spreche auch gut hebräisch und englisch. […]
Schließlich will ich noch bemerken, dass ich sehr viele Verwandte und Bekannte in Palästina habe.
Ich hoffe, dass Sie mich, da ich nationale religiöse Jüdin bin, deren Ziel immer Erez Israel war und
in Anbetracht der angeführten Gründe würdig finden, meiner Bitte um Einreihung in den nächsten
Transport Gehör zu schenken.“ Friederike Baron an Ausschuss für jüdische Überseetransporte,
25. 1. 1940. Archiv der IKG Wien/Bestand Wien/A/VIE/IKG/II/AUS/4/5.
488 Archiv der IKG Wien/Bestand Wien/A/VIE/IKG/II/AUS/3/1.
489 CAHJP, A/W 2511.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918