Page - 172 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Insgesamt konnten mithilfe des „Ausschusses für jüdische Überseetransporte“
7.054 Personen aus dem ganzen Reichsgebiet, darunter 1.740 aus Österreich, aus-
wandern. 2.042 österreichischen Jüdinnen und Juden wurde die Flucht direkt von
Storfers Büro finanziert.492 Dennoch blieben Person und Tätigkeiten Storfers stets
umstritten: Auch wenn er wie die anderen jüdischen Beamten, die nach 1938 im
Dienste der Gemeinde und ihrer Einrichtungen standen, ausschließlich unter
Anweisung und Aufsicht der Nationalsozialisten tätig war, machte er sich durch
die enge Kooperation mit der SS zahlreiche Gegner. Vor allem die „Alijah Beth“-
Aktivisten, denen Storfer bei der Organisation der Transporte zur Konkurrenz
erwachsen war, betrachteten ihn als Rivalen und bezichtigten ihn der Kollaboration
mit dem Feind.493 Nach der Schließung des Büros und dem Erlass des Auswan-
derungsverbots war Storfer noch eine Zeit lang in anderen Funktionen tätig. Der
Deportation konnte er trotz seiner einstweiligen einflussreichen Position nicht ent-
gehen. Im Sommer 1943 wurde er nach Auschwitz verschleppt und später ermordet.
Britische Gegenmaßnahmen
Willy Perl, der die maßgeblich von ihm getragenen „Alijah-Beth“-Aktivitäten der
österreichischen „Revisionisten“ in einer ausführlichen Publikation beschrieben
hat, bezeichnete die Bemühungen, Jüdinnen und Juden illegal nach Palästina zu
bringen, als „Vierfrontenkrieg“:
„One front was, of course, the Nazis, who were bound first on persecuting
and later on exterminating Jews. They could arrest us at any time, send us
to a concentration camp, or kill any of us on the spot. The second front, and
for us the most active, was the British. They did not want a Jewish majority
in Palestine. They did not view the Jews as likely to remain colonial subjects
for long and saw in Jewish Palestine a danger to their principle of ‚Rule Bri-
tannia‘. […] Unlikely as it may seem, the third front we had to face during the
war was the Jewish establishment itself. Most of the Jewish leaders held our
youth and lack of experience against us. They judged our undertakings as too
risky. […] Many Jewish leaders were Anglophiles who found it impossible
to stand up to the British, even though the British were blocking the escape
of those who fled Hitler’s firing squads and gas ovens. […] The fourth front
we had to fight was that of the elements. […] They [the Jews, Anm.] were at
the mercy of storms and rough seas and easily fell prey to the effects of cold,
hunger and epidemics.“494
Perls Schilderung verdeutlicht die enormen Schwierigkeiten und Risiken, die mit
der „Alijah Beth“ im Allgemeinen und mit jedem einzelnen Schiffstransport im
492 Anderl, Emigration, S. 261.
493 Ebda., S. 271.
494 Perl, Operation, S. 2–8.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918