Page - 176 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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der Passagiere. Angesichts des gestiegenen Risikos, von den Briten aufgegriffen zu
werden, und des hohen Strafrahmens forderten zahlreiche private Organisatoren,
Reeder und Schiffspersonal eine deutlich höhere finanzielle Entschädigung.
Eine weitere Form der Reaktion auf den Anstieg der illegalen Einwanderung war
schließlich, die Anzahl der Personen, die unerlaubt immigrierten, von der legalen
Quote abzuziehen. Nach Aufzeichnungen der Briten kamen im Zeitraum April bis
September 1939 9.050 Jüdinnen und Juden auf legale und 11.314 auf illegale Weise
ins Land, sodass insgesamt 20.364 Zertifikate von der im Weißbuch festgesetzten
Quote von 75.000 erlaubten Immigrantinnen und Immigranten in den nächsten
fünf Jahren abgezogen wurden.507
Die britische Regierung rechtfertigte die Bekämpfung der illegalen jüdischen
Einwanderung nach Palästina primär mit der Befürchtung eines neuerlichen Aus-
bruchs arabischer Unruhen und der Notwendigkeit, die Stabilität in Palästina und
im Nahen Osten im Allgemeinen sicherzustellen. Trotz weltweitem Protest und
massiver Kritik von jüdischer wie nichtjüdischer Seite am rigiden Umgang mit den
Flüchtlingen hielten die Briten an ihrem strikten Kurs fest. Im Gesamtblick blieben
die Anstrengungen zur Eindämmung der unerlaubten Immigration erfolglos. Ins-
besondere der Versuch, diplomatischen Druck auf die Anrainerstaaten auszuüben,
schlug fehl, u. a. weil sich die Staatsführungen weigerten, den freien Verkehr auf
der Donau und den Meerengen des Bosporus einzuschränken. Peter Heumos führt
das Scheitern der Gegenmaßnahmen nicht zuletzt auf die uneinheitliche Linie der
zuständigen britischen Stellen zurück
– der Hochkommissar und die Beamten des
Foreign Office und des Colonial Office hatten zum Teil nicht nur unterschiedli-
che Ansichten über die Lösung des Problems, sondern behinderten sich zudem
gegenseitig an der Umsetzung.508 Der nach 1939 einsetzende quantitative Rück-
gang der „Ma’apilim“ (siehe unten) ist wohl nur in zweiter Linie auf die britischen
Abwehrmaßnahmen zurückzuführen; er lag hauptsächlich an den kriegsbedingten
Veränderungen der Auswanderungserfordernisse und dem Wandel der national-
sozialistischen „Judenpolitik“, der die Vertreibungsphase mit dem generellen Emi-
grationsverbot vom Oktober 1941 beendete.
Zahlen
Das „Statistical Handbook of Jewish Palestine“ liefert nach Aufzeichnungen der
Jewish Agency für die Jahre 1939 bis 1942 und 1945 Zahlen zur legalen und illega-
len Einwanderung nach Palästina: Insgesamt kamen 18.148 „Ma’apilim“ ins Land,
davon 11.156 im Jahr 1939 (61,5 Prozent), 3.851 1940 (21,2 Prozent), 2.239 1941
(12,3 Prozent), 844 1942 (4,7 Prozent) und 58 im Jahr 1945 (0,3 Prozent). Von rund
15.000 jüdischen Immigrantinnen und Immigranten, die in diesem Zeitraum mit
507 Illegal Immigration and its deduction from the quotas (Quota period April – September 1939).
TNA, CO 733/393/15.
508 Peter Heumos, Die Emigration aus der Tschechoslowakei nach Westeuropa und den Nahen Osten
1938–1945 (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 63), München 1989, S. 121–123.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918