Page - 180 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Pfeifer seine Erfahrungen im Kibbuz Maabarot (gelegen zwischen Haifa und Tel
Aviv), den er mit völlig anderen Erwartungen betrat:
„Obwohl es mein sehnlicher Wunsch war, in einem Kibbuz zu leben, er-
wartete mich ein radikaler Bruch mit meinen bisherigen Lebensgewohn-
heiten. In Budapest hatte ich als Lehrling schon körperlich gearbeitet, aber
das war nichts im Vergleich zu der Arbeit, die ich im Kibbuz kennen lernte.
Hier wurde ein unterentwickelter Junge
– ich war noch keine fünfzehn, sah
aber wie ein Dreizehnjähriger aus – sofort zu schwerster landwirtschaft-
licher Arbeit herangezogen. Aufgrund der humorvollen Erzählungen, die
wir in Ungarn über den Kibbuz vorgelesen bekommen hatten, hatte ich mir
das ganz anders vorgestellt. […] Im Kibbuz drehte sich alles um die Arbeit.
Der erste Arbeitsplatz, den wir zugewiesen bekamen, war ein Orangenhain,
die Aufgabe war das Pflücken von Orangen. Wir wurden um 5 Uhr in der
Früh geweckt und arbeiteten bis 10 Uhr Vormittag, mit einer halbstündigen
Frühstückspause. Im Januar/Februar 1943 war es in der Früh noch kalt, die
Orangen waren nass vom Tau und es war keine Freude, diese pflücken zu
müssen. Die Hände waren klamm und wir hätten sie am liebsten in die Ta-
schen gesteckt. Aber wir waren im sozialistischen Wettbewerb und mussten
rasch unsere Orangen pflücken. Da ich zu den kleinsten und schwächsten
gehörte, war ich immer am langsamsten und hatte am Ende die wenigsten
Orangen gepflückt. Mir war diese Arbeit verhasst und ich fühlte sehr bald,
gescheitert zu sein. Wenig erfolgreich zu sein, war eine sehr harte Erfahrung
für mich.“520
Österreichische Jüdinnen und Juden ließen sich in Palästina vorwiegend in den
großen Städten Tel Aviv, Haifa und Jerusalem nieder, wo sich in den 1930er Jahren
Landsmannschaften gebildet hatten, denen sie sich vielfach anschlossen. Vor allem
in den ersten Jahren sozialisierten sich Neuankömmlinge innerhalb von Emigran-
tinnen- und Emigrantenkreisen. Bei jungen Einwanderinnen und Einwanderern
handelte es sich dabei oft um ein temporäres Phänomen, war die jüngere Generation
doch generell offener für die Möglichkeiten, die das neue Land zu bieten hatte.521
Ältere hingegen erweiterten ihren Bekanntenkreis meist langsamer, blickten oft
nostalgisch auf ihr Herkunftsland und versuchten die Verbindung zu Österreich
etwa durch die Verwendung der deutschen Sprache und dem Bewahren österrei-
chischer Traditionen (Lebensstil, Freizeitgestaltung, Kulinarik) aufrechtzuerhalten.
Auf die Kontinuität kultureller Komponenten, die die Immigrantinnen und Immig-
ranten in ihr neues Land mitbrachten, verweist Yotam Hotam und verwendet dabei
den Begriff der „Sub-Identität“: Trotz des mit dem Migrationsakt einhergehenden
fundamentalen Bruches „kann der Migrant nicht umhin, viele Komponenten der
520 Pfeifer, Palästina, S. 58.
521 Die Adoleszenz wird als jene Lebensphase angesehen, in der die Offenheit für neue Bindungen am
stärksten ist. Vgl. Felix de Mendelssohn, Funktionen und Folgen der Auswanderung und Integra-
tion aus psychologischer Sicht. In: Hagen/Nittenberg, Flucht, S. 543 f.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918