Page - 182 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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zionistischen Aktiven nicht anders zur Verfügung als dem Einwanderer, der
noch hierzulande um die Klärung seiner politischen Überzeugung ringt.
[…]“525
Durch die Entscheidung, unmittelbar nach seiner Ankunft nur mehr Hebräisch zu
sprechen, erlernte Ari Rath die Sprache umgehend:
„Am 8. November 1938, einem Dienstag, liefen wir nachmittags bei strö-
mendem Regen in den Hafen von Haifa ein. Vier Wochen später fassten
mein Bruder und ich den feierlichen Entschluss, von jetzt an nur noch He-
bräisch miteinander zu sprechen und zu korrespondieren – ein ziemlich
radikaler Entschluss, denn wir sprachen damals nur das rudimentäre Heb-
räisch, das wir zur Vorbereitung auf unsere Bar Mitzwa gelernt hatten. Aber
wir wollten uns symbolisch von unserer Jugend in Wien und der deutsch-
österreichischen Kultur trennen. Bis heute ist Hebräisch unsere gemeinsame
Sprache geblieben. Nur bei gesellschaftlichen Anlässen mit anderen Leuten,
die kein Hebräisch verstehen, sprechen wir manchmal Deutsch oder Eng-
lisch miteinander.“526
Dass österreichische Jüdinnen und Juden vor allem in Palästina Schwierigkeiten
hatten, sich dauerhaft niederzulassen und zu integrieren, zeigen letztlich die Zahlen
zur Remigration.527 Insgesamt war die Remigration der von den Nationalsozialisten
vertriebenen Österreicherinnen und Österreicher ein klares Minderheitenphäno-
men, doch kehrten die meisten Remigrantinnen und Remigranten neben Shanghai
aus Palästina zurück
– wenn auch insgesamt nur 4,5 Prozent aller österreichischen
Palästina-Emigrantinnen und -Emigranten. Als Sprachorgan derjenigen, die eine
Rückkehr nach Österreich anstrebten, fungierte das „Free Austrian Movement“, das
1942 unter Willy Verkauf-Verlon (1917–1994) in Palästina eine Zweigstelle errichtet
hatte.528 Der berufliche Einstieg gestaltete sich vor allem für ältere Personen, für
Angehörige freier Berufe, für Künstlerinnen und Künstler sowie Literatinnen und
Literaten, die ihres Ausdrucksmittels, der deutschen Sprache, beraubt waren, sowie
für Studierende aufgrund des unausgereiften Universitätswesens problematisch.
Häufig wurde der Entschluss, sich wieder in der ehemaligen Heimat niederzulassen,
außerdem von der Hoffnung beeinflusst, die Rückerstattung des geraubten Vermö-
gens zu erwirken. Österreich stellte dabei vielfach nur eine Zwischenstation auf dem
525 Orient. Unabhängige Wochenschrift für Zeitfragen, Kultur, Wirtschaft. Nr. 1 (1942) S. 2. Siehe dazu
auch Hotam, Emigrierte Erinnerung, S. 173–195.
526 Rath, Erinnerungen, S. 44 f.
527 Nach Helga Embacher, Eine Heimkehr gibt es nicht? Remigration nach Österreich. In: Claus-Dieter
Krohn (Hg.), Jüdische Emigration. Zwischen Assimilation und Verfolgung, Akkulturation und
jüdischer Identität, München 2001, S. 187–209. Die Gesamtzahl der jüdischen Remigrantinnen
und Remigranten wird auf rund 8.000 geschätzt. Im Sommer 1947 kehrten ca. 1.600 Personen aus
Shanghai und Palästina und weitere 1.000 aus westlichen Emigrationsländern zurück. Ebda., S. 187
u. 190. Siehe auch: Helga Embacher/Margit Reiter, Gratwanderungen. Die Beziehungen zwischen
Österreich und Israel im Schatten der Vergangenheit, Wien 1993, S. 36–40.
528 Siehe dazu Adunka, Exil, S. 35–44.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918