Page - 183 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Weg in ein weiteres Emigrationsland dar. So kehrte der vor 1938 in Graz ansässige
Bernard Lichtenstein 1950 mit seiner Frau für einige Zeit nach Österreich zurück
und entschloss sich dann nach Kanada und schließlich in die USA auszuwandern:
„1950 bin ich gemeinsam mit meiner Frau nach Österreich gefahren, einige
Zeit geblieben und dann nach Israel zurückgekehrt. Wir wollten nicht in
Österreich, aber auch nicht in Israel bleiben – dort gab es nichts zu essen!
Einmal pro Woche konnte ich mir ein Abendessen in einem Touristenhotel
leisten. Meine Frau konnte nichts am Markt kaufen. Durch eine Verbindung
zu jemandem aus dem Konsulat erhielten wir zumindest einmal in der Wo-
che Fleisch. In die USA wollten wir nicht wegen McCarthy
– ein Phänomen,
das ich nie verstand, dass es sich so lange halten konnte. Schließlich haben
wir uns für Kanada entschieden. Ich qualifizierte mich für die Einwanderung
und legalisierte mich einige Monate später. Meine Frau kam nach und wir
wurden kanadische Staatsbürger. Nach sieben Jahren fassten wir den Ent-
schluss, doch in die Staaten auszuwandern.“529
Auch für Otto Pollak war die Rückkehr nach Österreich keine dauerhafte. Nachdem
er sich in Palästina mit den unterschiedlichsten Arbeiten in verschiedenen Orten
und Kibbuzim durchgeschlagen hatte, kehrte er 1948 zur Beendigung seines Medi-
zinstudiums vorübergehend nach Graz zurück, entschied sich einige Jahre später
aber für ein Leben in Israel.
„Die Entscheidung, nach Graz zurückzukehren und mein Studium abzu-
schließen, habe ich mir nicht leicht gemacht. Zehn Jahre davor musste ich
fliehen, um mein Leben zu retten und meine Verwandten zurücklassen. Ich
war mittlerweile 33
Jahre alt und ich wusste, dass ich meine Ausbildung nur
in Graz beenden konnte – in Palästina war ich illegal, ich hatte kein Geld
und beherrschte die Sprache nicht. Außerdem gab es damals nicht einmal
eine Universität. Das „Heimkommen“ nach Graz habe ich nur vage in Erin-
nerung. Traumatisch war es, die Häuser meiner Familie zu sehen, und auch
die Oper und den Stadtpark mit all den Walnussbäumen. Ich konnte mich an
jeden Weg, den ich mit meinen Eltern gegangen bin und jede Bank, auf der
meine Großeltern gesessen sind, erinnern. Und nicht zuletzt: mein geliebter
Schlossberg. Als Maturathema hatte ich das Thema „Meine Vaterstadt Graz“
gewählt – um zu beweisen, wie sehr mir die Stadt am Herzen liegt. Es hat
lange gedauert, bis ich es ablegte, in jedem zweiten Bürger einen möglichen
Mörder zu sehen. Es war bei Gott nicht einfach, den dicken Wälzer nach
zehn turbulenten Jahren noch einmal zu öffnen, die Stadt leer, mit fast kei-
nen Freunden. Es war einfach schwierig.“530
529 Kumar, In Graz und andernorts, S. 101.
530 Ebda., S. 128
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918