Page - 189 - in Land der Verheißung – Ort der Zuflucht - Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
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Zusammenfassung
„Meine Wurzeln waren in Europa, und ich war so sehr Teil davon, dass es
sinnlos für mich gewesen wäre, Europa zu überleben; ich wollte lieber in
Europa zugrunde gehen als Zuflucht in einem Lande suchen, das nichts
anderes mehr als eine Zufluchtsstätte war. Dieser Entschluss wurde beim
Untergang Frankreichs auf die Probe gestellt, als ich, statt nach Palästina
oder in das neutrale Amerika, nach England flüchtete
– was wieder zu einer
Zeit der Einzelhaft führte, diesmal in einem Londoner Gefängnis während
des Blitzkrieges. Aber selbst jene Gefängniszelle in Pentonville war Europa,
meine Heimat.
Andererseits gab es sechs Millionen zum Untergang verdammte Menschen
in Deutschland und Osteuropa, die keine andere Wahl hatten und denen
Palästina die einzige Chance zum Überleben bot. Ob man sie willkommen
hieß oder nicht, das blieben unwichtige Fragen, da die Alternative Kon-
zentrationslager, Getto und zum Schluss die Gaskammer war. In diesem
begrenzten, resignierten Nützlichkeitssinn war ich immer noch Zionist.“541
Dass die vorangehenden Zeilen der Autobiographie eines Mannes entstammen, der
in den 1920er Jahren den Entschluss gefasst hatte, Österreich den Rücken zu kehren
und als Chaluz nach Palästina aufzubrechen, ist kaum naheliegend. Der in Budapest
geborene und seit 1919 in Wien lebende jüdische Schriftsteller und Politiker Arthur
Koestler (1905–1983) fand über die Studentenverbindung „Unitas“ zur zionistischen
Bewegung, wurde bald Anhänger Vladimir Jabotinskys und trat im Bestreben, „das
Ende seiner Galutexistenz zum Beginn einer neuen Existenz zu machen“, 1926 seine
Alijah an.542 Nach kurzer Zeit im Kibbuz war er als Journalist und Parteisekretär
der „Revisionisten“ tätig, doch befand er sich finanziell stets in einer unsicheren
Situation. Die Entbehrungen des palästinensischen Alltags und sein großes Heim-
weh führten ihn 1929 nach Europa zurück, jenem Kontinent, dem er sich kulturell
zutiefst verbunden fühlte. Koestler hielt an seinen Forderungen nach der Gründung
eines jüdischen Staates und dem Aufgeben der Diaspora-Existenz fest, persönlich
entschied er sich jedoch gegen eine permanente Niederlassung in Palästina und
flüchtete vor den Nationalsozialisten über Frankreich nach England. Nach der Lek-
türe seiner anderen Schriften – besonders den drei Palästina-Essays543 – fällt es
schwer, oben zitierte Schilderung als Selbstbeschreibung zu lesen, wonach Palästina
541 Arthur Koestler, Die Geheimschrift. Bericht eines Lebens 1932–1940, Wien-München-Basel 1955,
S. 403. Zur spannenden Biographie Koestlers, der in den 1930er Jahren der Kommunistischen
Partei Deutschlands beigetreten war und u. a. als Korrespondent vom Spanischen Bürgerkrieg
berichtete, siehe u. a. Christian Buckard, Arthur Koestler, München 2004.
542 Buckard, Koestler, S. 60.
543 Die Essays „The Melting Pot“, „This is an SOS for Palestine“ und „Partition – The Only Solution“
wurden im Dezember 1937 im „News Chronicle“ veröffentlicht.
Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Title
- Land der Verheißung – Ort der Zuflucht
- Subtitle
- Jüdische Emigration und nationalsozialistische Vertreibung aus Österreich nach Palästina 1920 bis 1945
- Author
- Victoria Kumar
- Publisher
- Studienverlag Ges.m.b.H.
- Location
- Innsbruck
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7065-5419-0
- Size
- 15.6 x 23.4 cm
- Pages
- 216
- Keywords
- Palestine/Israel, Aliyah/Zionism, Jewish history of Austria, National Socialism in Austria, Palästina/Israel, Alijah/Zionismus, Jüdische Geschichte Österreichs, Nationalsozialismus in Österreich
- Categories
- Geschichte Nach 1918