Page - 165 - in Pflegeroboter
Image of the Page - 165 -
Text of the Page - 165 -
1659
Pflegeroboter: Analyse und Bewertung aus Sicht …
9.3.2 Anthropologische Bedingungen
Von welchen anthropologischen Annahmen gehen wir aus – zum einen zur Begründung
einer Ethics of Care und der durch sie einzunehmenden Beurteilungsperspektive,
zum anderen als konzeptionelle Basis der theoretischen BegrĂĽndung und empiri-
schen Beschreibung pflegerischen Handelns als eine spezifische Ausprägung von
Care? Anthropologische Annahmen verstehen sich als Antworten auf die Frage, was
es bedeutet, ein Mensch zu sein (conditio humana). Jenseits eines extrem individualis-
tischen Selbstverständnisses unserer Kultur gilt es sich weiterhin der Tatsache bewusst
zu sein, dass sich menschliches Leben unter historisch variierenden Bedingungen phy-
sischer Abhängigkeiten und sozialer Angewiesenheiten vollzieht. In ganz elementaren
Bereichen ihres Lebens machen Menschen die Erfahrung wechselseitiger Abhängig-
keiten, welche sich in sublimer Weise in moralischen Anschauungen manifestiert. Je
mehr sich Menschen ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten und Angewiesenheiten bewusst
werden, umso mehr wird ihnen auch ihre Verletzlichkeit bewusst. Als eine Antwort auf
diesen fundamentalen Erfahrungshintergrund kann das Prinzip der Schonung betrachtet
werden (Siep 2004). In diesem Zusammenhang lässt sich auch die soziale Bedeutsamkeit
eines rein biologischen Faktums herausstellen: Bereits mit seiner Geburt ist der Mensch
auf Hilfe, Zuwendung und Anerkennung seiner sozialen Umgebung angewiesen, und
er bleibt es in unterschiedlichen Graden in Abhängigkeit von vorhersehbaren und nicht
vorhersehbaren Krisen als Wendepunkten persönlicher bzw. gemeinschaftlicher Lebens-
geschichte dauerhaft. Diese in anthropologisch tief sitzenden, durch variationsreiche
Sozialtechniken gewiss modifizierbaren Grundstrukturen menschlichen Lebens schei-
nen durch Sichtweisen infrage gestellt zu werden, in welchen individuelle Lösungen für
gesellschaftlich erzeugte Probleme im Vordergrund stehen (vgl. Beimborn et al. 2016,
insbes. S. 314; van Dyk 2009).
9.3.3 Spezifika einer Ethics of Care
Vor dem Hintergrund vorstehend explizierter anthropologischer Tatsachen stehen im
Zentrum einer perspektivisch auf FĂĽrsorge ausgerichteten Ethics of Care (vgl. Held
2005; Conradi 2010) Fragen menschlichen Gedeihens, persönlichen Wohlergehens und
biografischen Gelingens. Wichtige Impulse fĂĽr eine Ethics of Care hat bspw. Ludwig
Siep (2004) in seiner auf verschiedene Anwendungsszenarien ausgerichteten Konkre-
ten Ethik gegeben. Deren Anspruch besteht nicht nur darin, Antworten darauf zu fin-
den, wie „Voraussetzungen schweren Leidens“ beseitigt werden können. Vielmehr geht
es auch darum, indisponible Rechte von Personen zu schĂĽtzen. Diese Rechte kulminie-
ren gewissermaĂźen in dem Anspruch, dass Menschen als kooperationsbedĂĽrftige und
kooperationsfähige Wesen in genau diesem Möglichkeitshorizont gefördert werden. Die-
sen Zusammenhang akzentuieren besonders Beimborn et al. (2016) in ihrem Entwurf
back to the
book Pflegeroboter"