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Pflegeroboter: Analyse und Bewertung aus Sicht …
9.3.4 Zwischenbemerkung: Einige Charakteristika pflegerischen
Handelns
Pflege ist eine Dienstleistung professioneller Hilfe für Menschen, die bedingt durch
Erkrankungen, Behinderungen oder Abbauprozesse Einschränkungen erleben, welche
die bio-psycho-soziale Integrität dieser Menschen zutiefst berühren können. In dem
Maße, wie sich solche Leidenszustände krisenhaft zuspitzen, treten Bedürfnisse nach
Sicherheit und erfolgreicher Bewältigung von Spannungs- und Stresssituationen in den
Vordergrund. Auf elementarer Ebene kann daher Pflege als eine an den Grundbedürf-
nissen hilfebedürftiger Menschen ansetzende Beziehungsarbeit charakterisiert werden,
welche neben wissenschaftlich-fachlichen Anforderungen ebenso spezifisch emotiona-
len Anforderungen zu genügen hat (Strauss et al. 1980). In dieser Hinsicht besteht eine
gewisse Affinität zur meist weiblich zugewiesenen Haus- und Familienarbeit.
Der direkte Umgang mit körperlich stark eingeschränkten Menschen stellt in der
Regel eine hohe physische Belastung des Pflegepersonals dar. Die Naturgebunden-
heit pflegerischen Handelns kommt aber auch in einer anderen Tatsache zum Ausdruck.
Pflege als Beziehungsarbeit vollzieht sich im psychophysischen Medium leiblicher
Gegenseitigkeit, die eine gewisse Diffusität sozialer Rollen mit sich bringt mit dem
Risiko einer Symbiose ohne Schutz vor grenzenloser Verausgabung (Stichwort: Burn-
out) sowie der Gefahr des Missbrauchs eigener Machtpositionen.
Weitere Schwierigkeiten resultieren aus einem sehr anspruchsvollen Synchronisations-
bedarf von Tätigkeiten wie: Organisation von Versorgung, persönliche, stets leiblich prä-
sente Zuwendung sowie affektive Balance. Die Tatsache, dass pflegerische Tätigkeiten
an natürlichen, zyklisch wiederkehrenden, jedoch situativ variierenden (Grund-)Bedürf-
nissen auszurichten sind, macht sie zeitlich nur schwer planbar und kaum kontrollierbar
(Weishaupt 2006; Dunkel und Weihrich 2010). Massiv wird zudem das Erfolgserleben
dadurch erschwert, dass – im Gegensatz bspw. zur Herstellung materieller Güter oder
der Bearbeitung von Verwaltungsvorgängen – Arbeitsresultate sich rasch verflüchtigen.
Vor allem bei therapeutischer Aussichtslosigkeit, Siechtum und Verfall fehlt ihnen eine
materielle Anschaulichkeit des Erfolgs, der überdies anders zu bemessen ist (Belan und
Schiller 2016).
Diese phänomenologisch weitaus differenzierter darstellbaren Formen und Eigen-
schaften pflegerischer Arbeit betrachten wir als einen mehrere Wahrnehmungsschichten
gleichzeitig affizierenden Kernbereich der Pflege. Ihres zyklischen Charakters wegen
rangiert sie als „Beziehungsarbeit“ in der Statushierarchie therapeutischer Berufe eher
niedrig. Bedacht werden sollte auch, dass methodische Verfahrensweisen der Wirksam-
keitsprüfung pflegerischer Maßnahmen auf die Notwendigkeit einer (experimentellen)
Isolierung einzelner Faktoren angewiesen, angesichts der Komplexität und Diffusi-
tät pflegerischer Handlungen aber häufig zum Scheitern verurteilt sind. Hinzu kommt
schließlich, dass das im praktischen Umgang mit Hilfebedürftigen erworbene Wissen
eine genuine, hochwertige, streng genommen aber „vorrationale“, qua mimetischem
Vermögen konstituierte Wissensform darstellt, welche wissenschaftlich zunächst einmal
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