Page - 223 - in Pflegeroboter
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Umsorgen, überwachen, unterhalten …
Ob und inwiefern demenziell erkrankte Menschen in der Lage sind, Roboter von Lebe-
wesen zu unterscheiden, ist nicht Gegenstand dieses Beitrags. Unabhängig davon, ob
sich Menschen über die Natur des Kunsttiers bewusst sind, stehen Zuwendungsroboter
jedoch hauptsächlich aufgrund ihrer Interaktionsfähigkeit und der damit verbundenen
vorgetäuschten Emotionen in der Kritik. Halten Menschen Roboter für empfindsame,
emotionsfähige Wesen, werden den Geräten Aufgaben emotionaler Zuwendung über-
tragen, denen ein Roboter naturgemäß in keiner Weise gerecht werden kann. Fragt man
Menschen nach ihren Ansprüchen an eine kompetente Pflegekraft, nennen sie nicht selten
gefühlsbetonte Schlagworte wie Mitgefühl, Zärtlichkeit oder Achtsamkeit. Auch Trost in
schwierigen Momenten wird gewünscht. Allesamt Anforderungen, denen künstliche Sys-
teme mangels Empfindungsfähigkeit nicht gewachsen sind. Denn Computer und Roboter
können keine Gefühle empfinden (Rojas 2016, S. 51). Zwar sind sie in der Lage, Emo-
tionen auszudrücken – etwa durch niedliches Quietschen –, authentische Gefühle setzen
jedoch Leben voraus. Demgegenüber möchten Menschen echte Zuwendung erfahren und
nicht nur das bloße Gefühl von Zuwendung erleben. Ebenso wenig wie wir von Zora über
die Adressaten unserer Äußerungen getäuscht werden wollen, wollen wir von Paro bezüg-
lich des Adressaten unserer Gefühle oder hinsichtlich der Qualität erfahrener Emotionen
betrogen werden. Unabhängig von ihrer körperlichen und geistigen Verfassung sollten
Menschen demnach authentische Empfindungen zeigen wie auch erfahren dürfen.
Sympathische Roboter laden zur Interaktion ein. Um die ethische Debatte um
Pflegeroboter unvoreingenommen zu führen, ist das ansprechende Design der Robo-
ter jedoch auszublenden. Im Unterschied zu Kindern, die Stofftieren im fantasievollen
Spiel Empfindungen andichten, werden im Falle Paros künstliche Gefühlausdrücke
mittels technischer Apparaturen als real existierende Empfindungen vermittelt. Wer-
den pflegebedürftige Menschen mit dem Kuschelroboter sich selbst überlassen, besteht
nicht nur eine Isolationsgefahr, sondern auch das Risiko, dass Menschen über die Natur
der Robbe getäuscht und menschliche Gefühle und deren Ausdruck unter falschen
Annahmen befördert werden. Diese Problematik kann aber umgangen werden, wenn
Roboter wie Paro explizit als Gefühlsübermittler zwischen Pflegefachkraft und Pflege-
bedürftigen, jedoch nie als eigenständige Sender künstlicher Emotionen oder Empfän-
ger menschlicher Gefühlsäußerungen fungieren. Der Einsatz eines Therapieroboters ist
somit an menschliche Begleitung, beispielsweise durch eine Pflegefachkraft, zu knüpfen.
Erst wenn Pflegekräfte oder Angehörige die durch Therapieroboter erweckten Gefühle
rezipieren und entsprechend reagieren, verschiebt sich die Rolle des Roboters vom
ungeeigneten Absender und Empfänger vermeintlicher Gefühle zum Vermittler authen-
tischer Emotionen der Beteiligten. Erzählt eine betagte Person aufgrund der Interaktion
mit Paro vom Hund aus der Kindheit, wird wechselseitiger Zugang zu Gefühlswelten
geschaffen, auf die sich Pflegefachkräfte im alltäglichen Umgang mit der betreffenden
Person weiterhin beziehen und so deren geistige Animation gewährleisten können.
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