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thematisierenundsichdavonabzugrenzen,währendderHassaufdieserbische
und die Roma-Bevölkerung gar nicht weiter behandelt wird. (Radonić 2018c,
523) Zu sehen ist einUstaša-Plakat, auf demeinUstaša gegen einemit David-
sternenverseheneSchlangekämpft.AufdemPlakatsteht:„JUDEN.Ausstellung
überdieEntwicklungdes Judentumsund ihrezersetzendeTätigkeit inKroatien
vor dem 10. April 1941. Lösung der Judenfrage im Unabhängigen Staat Kroa-
tien.“Hierzu führt die Ausstellung aus: „Diese Ustaša- und Nazi-Propaganda
wirdwiderlegt durch die Tatsache, dass Architekten und Bauherren jüdischer
Abstammung in Zagreb in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts viele
wichtigeGebäude errichtet haben.“Freilich ,widerlegt‘diese Bildunterschrift
keinesfallsdie inderPropagandavorgetrageneVorstellungvomzersetzenden
Charakter der imaginierten jüdischen Gegenrasse. Bestenfalls kann der Ver-
weis auf die produktive Arbeit von Architekten und Bauherren als hilfloser
Einwand dagegen gelesen werden, dass man sich mit dem Antisemitismus
gegen ,nützliche‘Mitglieder der Gesellschaft richtete. Auffällig ist jedenfalls,
dass esoffensichtlich leichter fällt, denAntisemitismusalsMotiv fürdieVerbre-
chenzuthematisieren,alssichmitdemspezifischenUstaša-Hassauf ‚dieSerben‘
auseinanderzusetzen. Denn den Antisemitismus konnte man als einen Import
derNationalsozialistennachKroatieninterpretieren,wohingegendieFeindschaft
derUstašagegendieSerbeneinhausgemachtes ‚Problem‘darstellte.DieAus-
stellung spricht unumwundenvom „Genozid“ander serbischenBevölkerung
undnennt Jasenovacunmissverständlich einTodeslager, dochdie selbstkriti-
scheAuseinandersetzungmitdemHassaufdieserbischeBevölkerungscheint
nachdemKriegder1990er Jahreschwierigerals jenemitdemAntisemitismus.
ImGegensatz zur slowakischenAusstellung, in der die Rolle der Bevölke-
rungaufdieBemerkung reduziertwird,„viele“hätten Judengeholfen,wird im
kroatischenMuseumskatalog,dereineArtSammelbandausderFederverschie-
dener AutorInnen ist, festgehalten: die Bevölkerung „had to go through a full
Ustašization“ (Jakovina 2006, 28). Jakovina (2006, 34) zufolge seien viele Bür-
gerInnenmit Pavelic ́ unddemFunktionierenderRegierungunzufriedengewe-
sen, „but not necessarily by the fact that an own state had been created“. Ein
ganzesUnterkapitel ist denBelegendafür vorbehalten,dassder „Unabhängige
Staat Kroatien“weder unabhängig, noch ein Staat, noch ein kroatischer Staat
war (Jakovina 2006, 27), was im Kontrast sowohl zum Narrativ des slowaki-
schenMuseumsalsauchzumdominantenDiskursderTuđman-Ära imKroatien
der1990erJahresteht. ImGegensatzzubeidemstehtauchdienüchterneErörte-
rung der „Errungenschaften“ desUstaša-Staates imKontext von Zensur, „ver-
botenen Schriftstellern“, Propaganda und Ustašisierung. (Jakovina 2006, 30;
Radonić2014a, 502)Andererseitswirdaberauchnichtdiskutiert,warumdieser
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918