Page - 116 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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kurzdanachaussah,alswürdeKroatien indiegeschichtspolitischenFußstapfen
Ungarns und Polens treten, gab es sechsMonate nach demHDZ-Wahlsieg auf-
grund des Zusammenbruchs der KoalitionNeuwahlen, und die HDZ führte da-
nachmitgemäßigteremPersonaleineneueKoalitionan.
Die Verharmlosung des Ustaša-Staates wird auch jetzt von der Regierungs-
partei zumTeilmitgetragenund gerechtfertigt. So kommentierenKritikerInnen,
im Tuđman’schen Versöhnungskonzept hätte der ehemalige Partisane Tuđman
wenigstensdasantifaschistischeNarrativalseinesvonzweimöglichenbegriffen,
wasnunnichtmehr der Fall sei. Gleichzeitigmachen sich inden letzten Jahren
wieder eine Fixierung auf Bleiburg als Ort der „kroatischen Tragödie“ und die
Verbreitung der zuletzt von den Ustaša verwendeten Losung Za dom spremni!
[Für dieHeimat bereit!] bemerkbar, die auf eineneueDominanz geschichtsrevi-
sionistischerNarrative verweisen. In dieserAtmosphäre ist es vermutlich von
Vorteil, dassdie ständigeAusstellung in Jasenovacnichtverändertwird–vor
allem,wennmanbedenkt,dassdiegrößtenOpferverbändedieMitwirkungan
der jährlichen Gedenkveranstaltung an der Seite der Regierung einige Jahre
lang fürunmöglichhielten. Erst derWahlsiegdes ehemaligen sozialdemokra-
tischenPremiers ZoranMilanovićbei denPräsidentschaftswahlen 2020been-
detedieungebrocheneDominanzderHDZ,was sich sofort auchaufdemGebiet
derGeschichtspolitikzeigte. ImGegensatzzuseinerVorgängerinKolindaGrabar-
Kitarovićbezeichnet erZadomspremnialsUstaša-Grußundverließ eine vom
VerteidigungsministeriumorganisierteGedenkveranstaltungfürdenKroatien-
krieg, als sichmehrerePersonen, die denSpruchauf ihrenT-Shirts trugen, vor
ihmaufbauten. (Balen 2020) AuchdieVertreterInnenderOpferverbände been-
detenaufgrunddiesesWandelsdessen,wasanderkroatischenStaatsspitzesag-
bar ist, ihrenBoykottder Jasenovac-Gedenkveranstaltungundnahmen imApril
2020anderSeitevonPräsidentundPremier imApril2020wiederdaranteil.
InBezugaufdie ‚AnrufungEuropas‘undderenTücken lässt sichzusammen-
fassendfesthalten,dass imkroatischenFallderstarkeFokusaufdie individuellen
Opfer und die Orientierung an USHMM, Yad Vashem und demAnne-Frank-
Haus–undnicht etwa ananderenKZ-Gedenkstätten–dazu führt, dass der In-
situ-Charakter des ehemaligenKonzentrationslagers ebenso in denHintergrund
trittwiediekonkretenTäterInnenundihrebrachialenTötungswerkzeuge,die Ja-
senovacdenBeinamen ‚ManufakturdesTodes‘einbrachten.
4.3.1.3 DasHolocaust-GedenkzentruminBudapest (2004/2006)
ImZugederEU-BeitrittsbemühungenUngarns führtedieersteOrbán-Regierung
imJahr2000einenHolocaust-Gedenktagein (Ungváry2011,300),beschlossdie
Neugestaltungder alten sozialistischenAusstellung imungarischenLänderpa-
116 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918