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DieMöglichkeiten der Ausstellungsgestaltungwaren durch den bereits 2004
von IstvánMányi fertiggestelltenUmbaudes Synagogengeländes unddie Errich-
tungdesunterirdischenRaumsteilweisevorgegeben.Diemeistdunkelgehaltenen
RäumeumfassenTexttafeln inweißer Schrift, Fotografien,Videoscreensundvon
RaumzuRaumwenigerwerdendeweißeLebenslinienandenWänden. Imersten
Raum finden sich Schaukästenmit Gegenständen, die als für die Opfer ‚typisch‘
erachtetwerden,alsonichtnäherbezeichnet,wederbiografischenochforensische
Objektesind.DiegleichenSchaukästenstehenimletztenRaum,alsonachderVer-
nichtung, leer. Der lange, schmale Gang zwischen dem ersten und dem zweiten
RaumwirdvonüberdenKöpfenderBesucherInnenhängendenGroßformat-Fotos
unddemGeräuschmarschierenderSoldatendominiertundnochbeimBetrachten
derAusstellungstafeln im zweitenRaumerzeugt dasGeräusch immer näherkom-
mender Stiefel einBedrohungsgefühl. Dieser engeGangunddieGeräuschkulisse
sinddie einzigenElemente derAusstellung, die einememotionalisierendenRee-
nactment nahekommen. Als gestalterisches Element ferner erwähnenswert sind
vor allem antisemitische Verlautbarungen, die imdritten Raumauf Seilen zwi-
schenderDeckeundBetonbalken amBoden inAugenhöhe platziert sind und
dieVerbote inFormvonBlockaden imRaumübersetzen.
Inderungarisch-undenglischsprachigenDauerausstellung istdie Individua-
lisierungderOpfer sehrpräsent:DieGeschichtenvonvier sehrunterschiedlichen
jüdischenundeinerRoma-Familie begleitenaufBildschirmenoderAudio-Statio-
nendie BesucherInnen vonRaumzuRaum, durch die Phasender Entrechtung,
Enteignung, Beraubung der Freiheit, dermenschlichenWürde und des Lebens.
(Radonić 2014c, 5) Eshandelt sichhierbei umdieGeschichten einer Familie von
„Oberschichts-Plutokraten“89, Mittelschichts-Ladenbesitzern, Veteranen des Ers-
tenWeltkriegsundSekretärinnenbishinzueinerorthodox-jüdischenFamilieaus
derKarpatho-Ukraine– sowieeinerseit 1930niedergelassenenRoma-Familieaus
derBaranya.DieseGeschichtenderFamilienmitgliederweckenEmpathiemitden
Verfolgten. So erfahrenwir etwaüberdieFamilieBárdos, dassdieFrauen im
Zuge der AusplünderungOpfer von Leibesvisitationenwurden, die vonHeb-
ammendurchgeführtwurden,wobeiweniger als vier LiterWasser verwendet
wordenwaren,umfünfhundertFrauenzuuntersuchen.
ZusätzlichdazuwerdenindividuelleBiographienundFotosvonOpfernaufTa-
felnvorgestellt.AnneFranksBiographiewird jenedesungarischenMädchensLilla
Ecséri zurSeitegestellt:Auchsie führte einTagebuch,musste ihreWohnungver-
89 DasHDKEthematisiertnicht,dasseinedieser fünfFamilienzunächstvomKriegprofitierte:
Die Manfred-Weiss-Werke produzierten Waffen und Flugzeuge, bevor nach dem deutschen
Einmarsch den meisten Familienmitgliedern 1944 erlaubt wurde, nach Portugal zu fliehen.
DasseieineAmbivalenz,diedasMuseumJuliaCreet (2013,54)zufolgeausblende.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 121
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918