Page - 132 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Image of the Page - 132 -
Text of the Page - 132 -
EP-Resolution aus demselben Jahr bekräftigt: „the Romani Holocaust deserves
full recognition,commensuratewiththegravityofNazicrimesdesignedtophysi-
callyeliminatetheRomaofEurope.“ (EuropeanParliament2005b)
Mit dieser Aufwertung einer bisher lange vernachlässigten Opfergruppe auf
europäischer Ebene hängt ihre Inklusion in jeneMuseumsausstellungen zusam-
men,dierundumdieEU-Osterweiterungbzw. imZugederBeitrittsverhandlungen
Kroatienseröffnetwurden.DasMuseumdesSlowakischenNationalaufstands,das
Jasenovac-GedenkmuseumunddasHolocaust-GedenkzentruminBudapest inklu-
diertenindieserPhasezumerstenMalRomnjaundRomainnennenswertemAus-
maß in ihreDauerausstellungen.Dabei reproduzieren sie in ihrerDarstellung
jedoch zumTeil haarsträubendeStereotypeund lassen imGegensatz zurDar-
stellungandererOpfergruppeneine Individualisierung,dieEmpathiemit den
Opfernweckenkönnte,weitgehendvermissen.
ImMuseumdes SlowakischenNationalaufstandswurde am2. August 2005
zurErinnerungandieLiquidierungdes„Zigeunerlagers“ inAuschwitzeinRoma-
Mahnmal eingeweiht. (Abb. 25)Dies geschah imZugeder vonderBürgerInnen-
initiative Inminorita initiiertenundvomMuseumsowiedemKulturministerium
mitgetragenen InitiativeMabisteren! („Vergissnicht“aufRomanes).Eshandelte
sich hierbei um das zweite derartige Mahnmal in der Slowakei nach jenem in
ČiernyBalog,welchesbereits inder sozialistischenÄra fürdie„Zigeuner-Opfer“,
die nachderNiederschlagungdes SlowakischenNationalaufstands 1944dort
exekutiertwordenwaren, errichtetund1995durcheinzweitesergänztwurde.
Zeitgleich wurde in Banská Bystrica die erste slowakische (temporäre) Aus-
stellungüber dieVerfolgungderRomaeröffnet. (Husova 2006, 3; Closa 2010,
141;Mannová2011, 233)Seitdemwird jährlichAnfangAugust indemMuseum
des „Roma-Holocaust“ gedacht.97 Doch sogar diese eigens demRoma-Geden-
kengewidmetenVeranstaltungenzeugen imGegensatz zumHolocaust-Gedenken
noch von der Absenz eingeübter Phrasen oder einer ausgiebigen Beschäftigung
mit demThema. So versuchte derMuseumshistoriker StanislavMičev die Unbe-
kanntheit des „Roma-Holocaust“ in der Slowakei dadurch zu erklären, dass „die
Roma inderSlowakeinicht soeingrausamesSchicksalwiedie jüdischeBevölke-
rung erlitten haben. Siewarenmehrmit administrativen Einschränkungen ihrer
Lebensumstände undMenschenrechte konfrontiert.“ (SITA 2009) Roma-Vertrete-
rInnenprotestierten ferner,alses ihnen– imGegensatzzudenVertreterInnender
inderAusstellungvielfachbeschworenen32 amAufstandbeteiligtenNationen–
97 Getragen wird die Gedenkveranstaltung von dem Verein In minorita, dem Slowakischen
Nationalmuseum, der Milana-Šimečka-Stiftung und dem SNU-Museum, wie Zeitungen regel-
mäßigberichten. (SME2.8.2007;2.8.2009,31.7.2010;3.8.2013)
132 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918