Page - 148 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Image of the Page - 148 -
Text of the Page - 148 -
zeugt Empathie für dieOpfer derGewalt. Der BesuchdesKellertrakteswird zu
einer ‚Erfahrung‘ – es sind die Enge der Flure und Zellen unddie Kälte, es ist
diegesamteAtmosphäre,diedenBesucherdie IsolationunddieschwerenHaft-
bedingungenfühlen lässt.“ (Frankovicetal. 2010,56)WightundLennon(2007,
526)bezeichnendasals„slowcrescendoofhorror“.
ImErdgeschossbefindensichAusstellungenüber„Lithuania in1940–1941“,
„ThePartisanwar 1944–1953“und „Anunequal fight (Suppressionof theResis-
tance 1944–1953)“.Manbetritt vomGangausdas jeweiligeZimmer, indemetwa
aufGlaswändenText,Fotografien,DokumenteundGeldscheineangebrachtsind,
währenddahinterObjekte platziertwurden, sodass sichdie verschiedenenEbe-
nenbeimBetrachtenüberlappen.
EsdominiertdieDarstellungkollektivenOpfer-undHeldendaseins.DassLi-
tauen vor 1940 keine Demokratie mehr war und als erster der drei baltischen
StaatennachdemStaatsstreich von 1926 zu einemautoritärenRegimeumgebil-
detwordenwar,wirdnichterwähnt. ImRaumüberdieerstesowjetischeOkkupa-
tionwirddieZwischenkriegszeit ausschließlichpositivdargestellt:„Lithuania
hadmadesignificantprogress inall spheresofpublic lifeduring the twodeca-
des of independence (1918–1938).“ Im Guide ist ebenfalls nur von „indepen-
dentLithuania“dieRede. (RudienėundJuozevičiūtė2006a,26)
Wenn in der Ausstellung einheimische Sowjet-KollaborateurInnen behan-
delt werden, dann vielfachmit Verweis auf bloße „elementary school educa-
tion“oderähnliches:
Thereprisalsquads,establishedinJuly1944,helpedthearmytofightagainst thepartisan
movement and „to keep order“ in the countryside. Most of themwere poorly educated
menwithouthigh ideals. The local populationhatedanddespised thembecauseof their
collaborationandnumerousrobberies.
Als Täter vorgestelltwerden in einerBildunterschrift imviertenRaumauch lo-
kaleKollaborateurseinheiten,dieoffiziell ‚Volksverteidiger‘hießen,aberaufLi-
tauisch aufgrundvonPlünderungenundAlkoholismus als ‚Zerstörer‘ – Stribai
oderStribasbezeichnetwurden.SiebegleitetenBehördenvertreter indieDörfer,
wirktenanDeportationenmit, fungiertenalsDolmetscher für nachLitauenge-
schickte AusländerInnen undwirkten nur in Ausnahmefällen anMilitäropera-
tionenmit. Kollaborationmit den Sowjets kann aufgrund eines umfassenden
litauischenStaatsapparats kaumausgelassenwerden,wird jedochmitVerwei-
senaufniedrigeSchulbildungundAlkoholismuseinerMinderheit ‚erklärt‘.
DerRaumüberdenPartisanInnenkampfder ‚Waldbrüder‘gegendiesowjeti-
schenBesatzer symbolisiert einenWald inFormeinerBäume-Wandtapete sowie
einWaldbrüder-Versteck aus Holz, die die BesucherInnen dazu einladen, sich
mit denKämpferInnenunddenKurierInnen,meist Frauen, zu identifizieren. In
148 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918