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ten.AuchwerdenaufeineWandtapetemitdemFotoeines improvisiertenFried-
hofsdasVideoeineraneinemZugfenstervorbeiziehendenLandschaftsowiehis-
torische Fotos projiziert. Die Bereiche über Gefängnisse und Lager enthalten
zahlreiche private Gegenstände, Fotos und auch Zeichnungen vonOpfern, die
alle–sofernbekannt–namentlichgenanntwerden.DiesewurdendemMuseum
vielfach von ZeitzeugInnen und ihrenNachkommen gespendet. (Dovydaitytė
2010,83)Siedeuten individuelleGeschichteanundverortendiesezugleich in
der nationalenErzählung: „Die traditionalenMotive ihrerAusgestaltung sind
nationale Symbole (Vytautas, Trikolore), Motive der Religiosität als Teil der
nationalen Identität (Kreuze) sowieMotivedesWeiterlebensLitauens imHer-
zen der Deportierten (Herzen).“ (Frankovic et al. 2010, 60) Liturgische Gegen-
stände der Priester in den Lagern und vonHäftlingen hergestellte Jesusstatuen
etc.bildeneinenSchwerpunkt,derzurEmpathiemitdenOpferneinlädt,Freund-
schaftsbeweise wie Stickereienmit Sprüchen einen zweiten, Häftlingskleidung
einendritten.Vorher-undNachher-Fotosetwa imFalledes früheren litauischen
Außenministers, der 1956 nach unzähligen Haftaufenthalten nach Litauen zu-
rückkehrte, oder des von 1920–1926 amtierenden litauischenPräsidenten, eben-
falls 1956 zurückgekehrt, dokumentieren denVerfall der Häftlinge. AmSchluss
geht esum„littledeportees“– inSibiriengeboreneoder in jungen Jahrenexi-
lierte Kinder, deren „happy childhood in Lithuania“ dem Bemühen gegenü-
bergestellt wird, überhaupt noch das litauische Alphabet zu lernen, wie in
demFall einerFamilie inTitAry,dienochnichtsvomToddesVaters ineinem
Lagerwusste.
Im Guide wird nicht klar unterschieden zwischen Gulag-Häftlingen und
Zwangsexilierten.108Soheißt esetwamanchmalnurkursorisch inderBildun-
terschrift:„TitAry,YakutianASSR“.Wennmanalsonichtschonvorherwusste,ob
dieser Ort Teil des Gulag oder ein Zwangsansiedlungsgebiet war, erschließt sich
dasausderPublikationnicht.Diesewohl intendierteVermengungderOpfergrup-
penerstaunt, dadieFotosunmissverständlichdeutlichmachen,wieunterschied-
lichdieLebensbedingungenwaren.Zwangsexilierte sind inSommerkleidernbeim
Tanzen,bei derErstkommunion, beiHochzeiten, beimSchlittenfahrenetc. zu
108 DieLebensumständederExiliertenunterschiedensichvon jenenderGulag-Häftlinge:Sie
mussten in Spezialsiedlungsgebietenwohnen und arbeiten, durften sich in der Siedlung frei
bewegen, brauchten aberGenehmigungen, umdiese zu verlassen. Siemussten sich alle paar
WochenbeimNKWDmelden. Sie erhielten einenmagerenLohn, durftenLandkaufenundes
bearbeiten. Sie durften Briefe schreiben und empfangen, die jedoch zensuriert wurden. Sie
warenbilligeArbeitskräfte ohne jeglicheRechte,wurdenvon Insektengebissenundmussten
imWinter Kälte erleiden.Während also zumBeispiel PartisanInnen in den Gulag deportiert
wurden,kamenihreFamilienindie ‚Sondersiedlungsgebiete‘.
150 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918