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In der Ausstellung im Erdgeschoss und im ersten Stock fehlt die NS-Zeit
unddieGeschichtedesGebäudes alsGestapogefängnis bzw. reduziert sich auf
folgende zwei Sätze: „However, the new German occupying forces abolished
theprovisionalgovernment institutedbytherebels,and incorporated thecoun-
try into theOstlanddistrictof theThirdReichonAugust5.Lithuaniacameunder
the rule of thenew invader for three years.“AmEndedesRaumsüberdie erste
sowjetische Besatzung findet sich auf Knöchelhöhe ein Schild mit folgendem
Text:„Forvisitorswillingtogetacquaintedwith theperiodofNazioccupationin
LithuaniaandtheHolocaustmoreextensivelywesuggestvisitingtheVilnaGaon
JewishStateMuseum.“ IngewissemSinne ist dieNS-Zeit aberdoch indemAus-
stellungsteilüberdieerstesowjetischeBesatzungvertreten:
Als Sinnbilder ‚bestialischer‘ sowjetischerGewaltwerdenhier einBild ausdemWaldbei
Telšiai vom24. Juni 1941 unddas Pieta-ähnlicheBild einerWitwe, die ihren ermordeten
Mann beweint, ausgestellt. Beide Bilder waren Teil der NS-Propagandaausstellung ‚Das
Rote Terror‘ [sic!] im Kaunasser Kriegsmuseumwährend der NS-Besatzung und werden
ohneHinweisaufdieseProvenienzalsPropagandabilderpräsentiert.
(Makhotina2017,317)
ImGuide taucht dieNS-Besatzung einzig in der Formulierung „after the three-
year-long-occupation byNazi Germany“ (Rudienė und Juozevičiūtė 2006a, 32)
und in einer Tabellemit Opferzahlen aus beiden Besatzungen auf der letzten
Seiteauf. (RudienėundJuozevičiūtė2006a,79;vgl.Radonić2017,280)Dieselbe
Tabelle findet sich auch imErdgeschoss der Ausstellung auf der Tafel „Losses
during theoccupation“und liefert einenGrund fürdieAuslassungderNS-Zeit:
Den vomMuseum hier vorgelegten Zahlen zufolge forderte die NS-Zeit im Ver-
gleichzudenbeidensowjetischenBesatzungendasVierfacheanTodesopfern,vor
allemunter den jüdischenLitauerInnen.112 Diese Tatsache ist Teil der Erklärung,
warumdieNS-BesatzungundderHolocaust in einer Stadt, die auchals „Jerusa-
lemdesNordens“ (Arendetal. 2010)bezeichnetwurde,alsbedrohlich fürdieOp-
fererzählungderMehrheitsbevölkerungerscheinenund imMuseum ‚neutralisiert‘
wurden. JamesMark (2008) sprichthier vonderStrategiedes„containing fas-
cism“, genauer ist esdie ErinnerungandieNS-Zeit unddenHolocaust, diehier
‚eingedämmt‘wird,umdenOpferstatus ‚derLitauerInnen‘nichtzugefährden.
112 Der Tafel zufolge starben während der beiden sowjetischen Besatzungen (1940–41 und
1944–91) 20–25.000Menschen inHaft, 28.000„died indeportation“and21.500PartisanInnen
und ihre UnterstützerInnen wurden getötet. Während der NS-Besatzung (1941–44) wurden
240.000Menschen getötet „(including about 200.000 Jews)“. Nurwennmandie Gesamtzahl
kennt,erschließtsichdaraus,dass rund90Prozentder jüdischenLitauerInnendemHolocaust
zumOpfer fiel.
154 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918