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Nicht ausgeführt wird jedoch, was genau er imDienst derWehrmacht tat: Er
war Befehlshaber des 13. LitauischenPolizeibataillons, dasmaßgeblich ander
Ermordung litauischer undweißrussischer Jüdinnen und Juden beteiligt war.
(Bubnys2001)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dasMuseumderGenozidopfer ein
extremes Beispiel für die Eindämmung der als bedrohlich scheinenden Erinne-
rungandieNS-ZeitunddenHolocaust ist:EsverleugnetediesePhase, inderdas
GebäudealsGestapo-Gefängnisdiente, seitderMuseumseröffnung1992bis2011,
als in einer kleinen Kellerzelle eine Ausstellung über die NS-Zeit hinzugefügt
wurde.DieseAusstellunganalysiere ichspäter imKapitelüberdieneuestenEnt-
wicklungen.Hingegen setzte es die ausGedenkstätten bekannteÄsthetik des
Glasbodens unddie ausHolocaust-Museen kommende Individualisierung als
OpferalsMusealisierungsstrategienein.
4.3.2.2 DiesymbolischeGleichsetzungunddasMuseumderOkkupationen
inTallinn
Die weiterenMuseen dieser Gruppe, also die beiden anderen baltischenMu-
seenunddasHausdesTerrors inBudapest,widmetensich in ihrenAusstellun-
gen inden2000er JahrenhingegenvonBeginnannicht nurden sowjetischen
undsozialistischenVerbrechen,sondernauchderNS-Zeitbzw. imungarischen
Fall der Herrschaft der ‚ungarischen Nazis‘. Bereits auf den ersten Blick er-
kennbarhabenalledrei einesgemeinsam:AmAnfangdesBesuchs istman im
Museum der Okkupationen in estnischen Tallin, imMuseumder Okkupation
Lettlands wie im ungarischen Haus des Terrors mit einer Gleichsetzung von
Nationalsozialismus und Kommunismus, Hakenkreuz (oder Pfeilkreuz als Sym-
bolder ‚ungarischenNazis‘) und rotemSternkonfrontiert. ImTallinnerMuseum
derOkkupationensahendieBesucherInnenseitderMuseumseröffnung2003(bis
zurUmgestaltung 2018) als erstesmitten imRaumzwei stilisierte Lokomotiven,
einemitHakenkreuz,dieanderemitrotemStern. (Abb.29) ImMuseumderOkku-
pationLettlandsbeganndieAusstellungmitdenbeidenübergroßen,nebenei-
nanderüberKopfmontiertenPorträts vonHitler undStalin. (Abb. 30) Bereits
vor demHaus des Terrors sticht amDachsims das Nebeneinander von Pfeil-
kreuzundStern insAuge, diedannauchdasMuseumdurchziehen. (Abb. 31)
Doch in allen dreiMuseenwird imVerlauf derAusstellungdieNS-Besatzung
als ‚weniger schlimm‘bzw.die sowjetischenVerbrechenals das größereÜbel
vorgestellt. 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 157
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918