Page - 161 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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A fewdays ago inNortheast Estoniawith the active cooperationof themunicipal bodies
of power of theMaidla district a monument was unveiled in a formal ceremony to the
groupof ‚forestbrethren‘ –activistsof the fascist organizationOmakaitse– thatwasdes-
troyed on January 8, 1945, by aRedArmyunit. These actions can only be qualified as a
desecrationof thememoryof thevictimsof fascismandasa striving towhitewash those
whoonthesideofnaziGermany foughtagainst the forcesof theanti-Hitler coalition.The
attemptsbyindividualEstonianpoliticians toglorify theNazis’henchmenonthegroundof
their ‚struggle for the freedomofEstonia,against theSovietoccupation‘completely fit into
the frameworkof the campaign launched recentlyby local nationalistic circles around the
‚Sovietoccupation‘ theme.Anothersignatureevent inthissensewastheopeninginTallinn
with theparticipationof thecountry’sPrimeMinister, JuhanParts,andmembersof theEs-
toniandeputies’ corpsof a socalledmuseumof theoccupation, thedisplayofwhichvery
tendentiously elucidates historical events and the outcomeof the SecondWorldWar. The
political patronagebyofficial Tallinn of the striving of the organizers of this action toput
thesignofequalitybetweenfascistGermanyandtheUSSRis regrettable.Suchactionscast
doubtonthesincerityof theEstonianleaders’assurancesof theircommitment toEuropean
principles, includingwithregardtofascism.“ (Lavrov2003)
Typisch für die russische Position weist Lavrov einerseits zu Recht darauf hin,
dassdie ‚Waldbrüder‘zumTeilNS-KollaborateurInnenwaren.Andererseitswill er
damit denWiderstand gegen die sowjetische Besatzung vollständig delegitimie-
ren.DieBerufungaufdenAntifaschismusunddieEntweihungseinerOpferdient
dazu,das ‚Gerede‘vonder ‚sowjetischenBesatzung‘,dieunterAnführungszeichen
gesetztwird,adabsurdumzuführen. IndiesemSinnbezeichnetLavrovauchdas
Museumder Okkupationen als ‚sogenanntes‘. Somit signalisiert Lavrov amVor-
abend des Abschlusses des estnischen EU-Beitritts, die im Museum vollzogene
Gleichsetzung zwischenNS-DeutschlandundderUdSSRwürdedie europäischen
antifaschistischen Prinzipien verraten. Polemisch zusammengefasst: Nur Fa-
schisten und ihre Nachkommen würden die sowjetische ,Rettung des estni-
schenBrudervolkes‘ als Besatzungbezeichnen–und solche gehörennicht in
eineantifaschistischeEU.
DasMuseumbegreift sich auchalsGedenkort, „it fulfils a special function
as amemorial to themultitudes that are buried in unmarked graves“, so die
erste Ausstellungstafel. Der Innenhof desMuseums, durch denman zumMu-
seumseingang gelangt, ist dem Gedenken gewidmet. Der Audioguide erklärt
über den Birkenwald: „Sie traten ein durch eine kleine Baumgruppe, die eine
bescheideneErinnerungseinsoll andie,dieniemals indieHeimatzurückkehr-
ten.DieseBäumewerdennochwachsenundbildeneinMemorial.“Steinkoffer,
die allemit „JohnSmith“undverschiedenenStädtenamenwieAntwerpen, Lu-
xemburg, Stockholm, Casablanca, Vilnius, aber auch Tallinn beschriftet sind,
sollen an die Deportationen in den Osten und das Exil erinnern. Entlang der
Glas-AußenwanddesMuseums finden sich auch in der Ausstellung echte alte
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 161
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918