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Koffer, denen jedoch keine explizite Bedeutung zugewiesen wird, was in der
spärlichenSekundärliteraturzuunterschiedlichenInterpretationengeführthat.
Thusa lineofprisondoorsandasimilarly longrowof suitcases reminds thevisitorof the
manyEstonianswhowere deported to theGulag by the Soviet regime. The considerable
quantityof suitcases canbe readasoneof theways that thedisplays seek todrawsubtle
parallels betweenNazi andSoviet society andbetween theHolocaust and theGulag, not
least because exhibitions of suitcases at Auschwitz and elsewhere are a long-standing
symbolof theNazigenocide. (BurchundZander2010,61)
Markhingegenschreibt:„Alineofbatteredsuitcasesbytheentrancewasusedto
represent the70.000Estonianswholeft thecountry in the faceof theadvanceof
theRedArmyin1944.“ (Mark2008,351)Kuusienthält sichgänzlichderSpekula-
tion: „Old suitcases, prison doors and radios in open exhibition room“ (Kuusi
2008,108),heißteshiernur.
DasMuseumlässt inderAnhäufungdeutungsoffenerObjektealsoeinerseits
Mehrdeutigkeit, Polysemie, zu. Über denHauptraum verstreut stehen verschie-
dene große Objekte, von denen diemeisten (zuweilen etwaswillkürlich ausge-
wählt) den sowjetischenAlltag verdeutlichen sollen: einBoot,mit demder Este
JoonasKaskmit seinerFamilie 1943nachSchwedenflüchtete; zweiAutos (ein in
derUkraine hergestellter Saporoshez SAS-965A aus 1966und einMoskvich aus
den1950ern); einSodawasser-Gerät, ausdemmanfüreineKopekeSodaund für
dreiKopekenSodamitSirupbekam;unzähligeRadioempfänger;ziemlichmitge-
nommeneTelefonzellen, derenTeile für selbstgemachteE-Gitarrenverwendet
wurden;TürenausdemberüchtigtenPaterei-Gefängnis; eineSeemine,wiesie
die Sowjets imGolf vonTallinnproduzierten; ein beim sowjetischenEinmarsch
1944durcheinBombenschrapnellbeschädigterSchreibtischausVõru;einmetal-
lischerKörperpanzer aus 1938,wie ervomNKWDbeimEinkesselnderWaldbrü-
derverwendetwurde;einKlavier; einFriseurstuhlmitTrockenhaube,denn„The
Sovietwomanalsowanted tobe attractive“; eine große, von 1961–2013 verwen-
deteKüchenmaschineaus einemKindergarten116usw.Dem25-minütigenAudio-
116 DiesedientalsAnlass fürdieFeststellung, jederhabeinderSowjetunionarbeitenmüssen,
Mütter hätten nach der Geburt nur 56 Tage bei ihrem Baby bleiben können. Kinderkrippen
nahmenbereits zweiMonatealteBabysaufundmanchewaren24StundenamTagoffen,da in
drei Schichtengearbeitetwurde. IndenchronologischaufgebautenSchaukästenerzählenman-
cheAusstellungsstückeklareGeschichten,etwavonRepression inFormeinerZeichnungdes In-
neren eines sowjetischenDeportationswaggons, eines zerhackten Buchs von der sowjetischen
Liste zu zerstörender Bücher oder vonGegenständen, die nun namentlich benannte estnische
Häftlinge inGefängnissenwährendderNS-Besatzungherstellten, einer Teekannemit der Auf-
schriftNKVD.UniformenunterschiedlicherArmeensollenebensodieverschiedenenSeitendeut-
lichmachenwie ein Foto zweier junger Freunde aus 1946, auf demeiner eine SS-Uniform, der
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918